Eine einseitige Darstellung von Nigeria

Unlängst wurde in einer Kindersendung auf Ö1 (16. 12. 2015, Rudi! Radio für Kinder: „Woher kommen die Flüchtlinge? Nigeria“) ein einseitiges Bild von Nigeria gezeichnet, das auch Falschinformationen beinhaltet.

Zunächst sind es nicht „Stämme“, die Nigeria bewohnen, nur bei einem kleinen Teil der Bevölkerung kann man sozialanthropologisch von Stammesgesellschaften sprechen, etwa bei den Fulani (auch Fulbe), was aber auch umstritten ist. Besser wäre es, hier allgemeiner von Gruppen oder Kulturen zu sprechen.

Und wenn es über 500 Sprachen/Dialekte geben soll, heißt das nicht, dass man sich nicht miteinander verständigen kann, es gibt regional unterschiedliche Verkehrssprachen, und die Leute sprechen generell mehrere Sprachen. Wenn das Kind aus dem Beispiel mit seiner Großmutter nicht reden kann, könnte das daran liegen, dass es nicht in Nigeria, sondern im Ausland aufgewachsen ist oder aber in dieser Familie Konflikte ein Kennenlernen und Sprachenlernen verhinderten. Die linguistische Vielfalt afrikanischer Länder mag zuweilen ein Problem sein, ist aber keineswegs das Haupthindernis für „eine ordentliche Verwaltung“.

Eine weitere Ungenauigkeit: „Es gab schon immer große Konflikte zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden.“ Der Satz stimmt in dieser Verallgemeinerung nicht, wohl wurden von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort Konflikte ausgetragen, aber genauso bestand ein friedliches Zusammenleben und wirtschaftliches Kooperieren.

Überdimensional viel Raum nimmt in diesem Beitrag Boko Haram ein – so, als ob die Terrororganisation das ganze Land beherrsche – ohne dass klargestellt wird, dass sie keineswegs generell die Unterstützung der nigerianischen Muslime findet, sondern von ihnen gefürchtet und abgelehnt wird.

Auch die Frage, warum Menschen aus Nigeria fliehen, wird, obwohl im Titel gestellt, nicht beantwortet, der Zusammenhang mit Boko Haram wird nicht hergestellt. Man hätte beispielsweise auf einen weiteren Fluchtgrund hinweisen können, nämlich darauf, dass die Bevölkerungsmehrheit in Armut lebt, obwohl das Land reich an Erdöl und Erdgas ist. Die Bodenschätze werden von transnationalen Konzernen abgebaut, Gewinne gehen großteils ins Ausland und der Rest kommt nicht oder zu wenig bei den Ärmsten im Land an, sondern versickert in den Taschen von Reichen. Man hätte darauf hinweisen können, dass Menschen, die aus Armut fliehen, in westlichen Ländern keine Chance auf Asyl haben, weil sie als Wirtschaftsflüchtlinge gelten, und dies, obwohl die Konzerne, die das Erdöl abbauen von Personen aus westlichen Ländern dominiert werden.

In der vorliegenden Form muss der Beitrag bei Kindern den Eindruck erwecken, dass es einen unüberwindlichen Konflikt zwischen Christentum und Islam gäbe, wobei letzterer für die Schwierigkeiten verantwortlich ist.

Darüber hinaus hätte man, neben den Problemen, durchaus auch auf Fortschritte im Land hinweisen können, doch diese langsamen Entwicklungen schaffen es leider oft nicht in die Medien, wie bereits Hans Rosling von Gapminder kritisierte: Es ist wie wenn man über eine Person spricht – statt ihren hässlichen alten Schuh könnte man auch das hübsche Gesicht zeigen.
https://www.youtube.com/watch?v=Oxxx03_JHlM

Ingrid Thurner und Heidi Weinhäupl

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