Fatales Nicht-Schweigen eines Islamkritikers

Betr: Fatales Schweigen vieler Muslime, Standard, 24. 5. 2013

Sehr geehrter Herr Kirchengast, sehr geehrte Redaktion,

die Freude und das Lob über den Standard vom Samstag 18. 5. – den wir über weite Strecken schätzten, weil Diversität als Chance gesehen und nicht als Problem aufgebaut wurde – ist uns im Hals stecken geblieben, als wir den Kommentar „Fatales Schweigen vieler Muslime“ (24. 5.) lasen. Er hat die ganze schöne Wochenendausgabe Lügen gestraft.

Es gibt nicht „einen Krieg, der praktisch weltweit, zwar in unterschiedlicher Ausprägung, aber meist gewaltsam, im Namen des Islam geführt wird“. Was es gibt, sind terroristische Aktivitäten, für deren Legitimierung die Religion missbraucht wird, wovon sich Islamverbände und Regierungen in aller Welt ebenso regelmäßig mit Abscheu distanzieren, wie sie stattfinden.

Falls dieser muslimische Aufschrei nicht so laut scheint, so liegt es daran, dass Medien (auch der Standard) viel lieber und ausführlicher berichten, wenn irgendwo auf der Welt ein paar Irregeleitete im Namen des Islam Krawall machen gegen den Westen, die USA, Europa, das Abendland, das Christentum oder sonst ein Wertekonstrukt, dem man sich in den Redaktionen zugehörig fühlt.

Terrorakte haben nichts „mit islamischem Selbstverständnis zu tun“ und sind auch nicht „ein Problem des Islam selbst“. Über dahinter liegende Ursachen wäre in vielen Kommentaren der Teilnehmenden Medienbeobachtung nachzulesen, z. B. Unsere Mitschuld an den Krawallen.

Bloß der Vollständigkeit halber sei daran erinnert, wie viele Kriege im Namen und unter Missbrauch des Christentums geführt wurden, die Tod und Schrecken verbreiteten, etwa die Aktivitäten unter George Bush in Afghanistan und Irak. Ebenso lässt sich Gewalt mit zahlreichen Stellen aus der Bibel rechtfertigen.

Da wird im Kommentar behauptet: „Die friedliebenden Muslime – und das ist wohl die überwiegende Mehrheit – haben es zugelassen, dass die militanten Islamisten die Deutungshoheit über ihre Religion erringen …“. So gesehen haben – um die Diktion beizubehalten – wir im friedliebenden Europa es zugelassen, dass das militante Amerika die Deutungshoheit über die Religion errang. Wie leise waren nur damals unsere Proteste?

Gegen Ende des Textes wird betreffend Islam ganz genau benannt, was „sein zentrales Problem“ ist. Es sei dem Herrn Redakteur empfohlen, sich einmal mit Angehörigen des Islam zu unterhalten.

Ingrid Thurner

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Die Antwort von Josef Kirchengast am 28. 5. 2013:

Sehr geehrte Frau Thurner,

danke für Ihre Reaktion auf meinen Kommentar.

Wenn Sie sagen, dass Diversität als Chance gesehen werden soll, stimme ich Ihnen zu.
Wenn Diversität „nicht als Problem aufgebaut“ werden soll, lese ich den Wunsch heraus, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.
Aber durch Wunschdenken, Kleinreden und Denkverbote verschwinden Probleme nicht. Gerade dann können sie von unseren eigenen politischen Zündlern umso leichter instrumentalisiert werden.

Existiert etwa – auch in Österreich, wenngleich in abgeschwächter Form – kein Problem mit radikalen islamischen Predigern und Religionslehrern?

Terrorakte haben nichts mit islamischem Selbstverständnis zu tun? Wenn etwa Selbstmordattentäter „Allah ist groß“ rufen, bevor sie die Bombe zünden?
Diese Menschen werden verführt und benutzt, das ist schon klar. Aber warum ist das unter Berufung auf eine Religion in diesem Ausmaß und mit diesen Folgen möglich?

Dass es Vergleichbares auch im Christentum – Kriege, Terror, etc. im Namen der Religion – gegeben HAT, bestreite ich nicht.
Und die politische Instrumentalisierung des Christentums, etwa durch die Evangelikalen in den USA, wurde gerade von unserer Zeitung immer wieder kritisiert.
Dass Europa es zugelassen hat, „dass das militante Amerika die Deutungshoheit über die Religion errang“, bestreite ich dagegen entschieden.
Erstens gab es in Europa, beispielsweise, heftigste Proteste gegen den (wie auch immer begründeten) Irakkrieg von George W. Bush. Zweitens ist die EU mit ihren weitweiten zivilen Hilfs- und Entwicklungsprojekten als „soft power“ geradezu die Gegenthese zu einer wie immer begründeten US-Großmachtpolitik.

Eine weitere Frage: Wie sieht es mit der Religionsfreiheit in den islamisch dominierten Ländern aus?

Weiters: Ein „Wertekonstrukt, dem man sich in den Redaktionen zugehörig fühlt“ – fühlen Sie selbst sich nicht der demokratisch-pluralistischen Gesellschaftsordnung auf Basis der Menschenrechte zugehörig? Oder was ist Ihr „Wertekonstrukt“?

Dass Sie dem STANDARD unterstellen, viel lieber und ausführlicher über im Namen des Islam irreleitete Krawallmacher zu berichten, als über einen toleranten, friedliebenden Islam, weise ich vehement zurück.
Siehe das Interview mit dem Großmufti von Bosnien-Herzegowina im heutigen Blatt auf der Crossover-Seite (für die ich redaktionell verantwortlich bin).
Es war übrigens lange vor meinem Kommentar geplant.

In diesem Sinne grüßt die Frau Medienbeobachterin

der „Herr Redakteur“ Josef Kirchengast

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