Fehlende Recherche und Sprachsensibilität

 

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrter Herr Knauer!

Mit großem Interesse haben wir – die Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung – Ihren Artikel Der Ur-Krieg ist abgesagt“ in der Wochenendausgabe der Wiener Zeitung (20./21. Juli 2013) gelesen. Positiv ist unserer Meinung nach, dass die darin vorgestellte Studie von Douglas Fry und Patrik Söderberg zeigt, dass Krieg keine conditio sine qua non der menschlichen Existenz ist. Daneben gibt es allerdings einige Punkte, die wir am Artikel kritisieren.

Die Kultur- und Sozialanthropologie lehnt es ab, Erkenntnisse, die beim Studium von rezenten Gesellschaften gewonnen werden, auf die Vergangenheit zu projizieren und von einer unterschiedlichen Zeitdynamik – hier die postmoderne, sich ständig verändernde, dort die statische, traditionelle Gesellschaft – auszugehen (vgl. etwa Johannes Fabian: „Time and the Other“). Jede Gesellschaft war und ist Wandel unterworfen, heutige menschliche Gruppen können nicht als Zeitfenster genommen werden, durch das man einen Blick in die Vergangenheit tun kann, und sie sind auch nicht so etwas wie lebende Fossilien einer untergegangenen Epoche. Dies ist wissenschaftlich und ethisch nicht korrekt, da es in extrem eurozentristischer Manier einen linearen Entwicklungsverlauf aller menschlichen Gesellschaften zu allen Zeiten in eine Richtung annimmt, an deren vorläufiger Spitze der Evolution die westliche Gesellschaft steht. Problematische Mutmaßungen wie diese führen zur Abwertung von Gesellschaften, die andere Wirtschafts- und Organisationsformen entwickelt haben und auch zur unseligen Unterscheidung in „Natur“- und „Kultur“-Völker.

Die Bezeichnung „Naturvolk“ wurde vor Jahrzehnten für Gesellschaften mit vorindustriellen Wirtschaftsformen bzw. Jäger- und SammlerInnengesellschaften verwendet, die wiederum im Gegensatz zu Kulturgesellschaften im evolutionistischen Denken auf einer niedrigeren Stufe angesiedelt wurden. Die Natur-Kultur-Dichotomie ist selbst ein Produkt der europäischen Aufklärung (vgl. etwa Bruno Latour „Wir sind nie modern gewesen“) und innerhalb der Kultur- und Sozialanthropologie sowohl in Bezug auf die Unterteilung von menschlichen Gesellschaften als auch was den Forschungsbereich betrifft längst über Bord geworfen. Leider ist der Alltagsgebrauch dieser diskriminierenden Bezeichnung noch immer üblich und gängige journalistische Schreibpraxis.

Die deutsche Sprache birgt weitere Fallstricke, wenn man sich um nicht-diskriminierende, auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft basierende Bezeichnungen von Gruppen bemüht, wie der Beitrag exemplarisch im negativen Sinne zeigt. So ist von den „Pygmäen im zentralafrikanischen Regenwald“ die Rede und auch die Illustration des Artikels zeigt laut Fototext eine Gruppe „Pygmäen“. Diese Angaben sind für einen Beitrag, der unter der Rubrik „Wissen“ eingeordnet ist, sehr unpräzise und altertümlich. „Pygmäe“ ist eine eurozentristische Bezeichnung für eine Reihe von menschlichen Gemeinschaften in Zentralafrika, die auf dem körperlichen Merkmal der Größe basiert, und die alle anderen Unterschiede ausblendet. Die Bevölkerungen verschiedener zentralafrikanischer Staaten besitzen Eigenbezeichnungen, die für einen solchen Bericht verwendet werden sollten. Eine Gruppe in Kamerun, die man früher als „Pygmäen“ bezeichnete, sind etwa die Baka – sie können auch von TouristInnen besucht werden – ein Reiseprogramm, das man ganz unspektakulär bei jedem Veranstalter buchen kann.

Zu kritisieren ist auch die Angabe „zentralafrikanischer Regenwald“ als eine sehr vage regionale Zuordnung, die die stereotype Darstellung eines Kontinents anhand von Naturräumen und jenseits von Staaten fortsetzt. Würde man für Europa von einer Gesellschaft im mitteleuropäischen Laubwald schreiben?

Der Begriff „Eskimo“ ist ähnlich altertümlich und unpräzise wie „Pygmäe“. Diese im 17. Jahrhundert von EuropäerInnen entwickelte Bezeichnung für verschiedenste Gesellschaften mit Siedlungsgebiet im nördlichen Polargebiet wird heute weder – mit wenigen Ausnahmen – von den Betroffenen selbst noch von der Wissenschaft oder der Administration der betreffenden Staaten verwendet. Auch hier hat jede Gruppe eine individuelle Bezeichnung. Der aktuelle Sammelbegriff „Inuit“ hat klarerweise ebenfalls eine verallgemeinernde Tendenz, er wird aber von den offiziellen Stellen in Kanada beispielsweise für seine StaatsbürgerInnen verwendet.

„Indianer“ ist im deutschsprachigen Raum noch immer eine häufig verwendete Bezeichnung für jene Gruppen, die man in den jeweiligen Staaten „First Nations People“ (Kanada) oder „Native Americans“ (USA) nennt. Hier gibt es noch keine adäquaten deutschen Begriffe und daher wird zumeist von den Indigenen Amerikas gesprochen. Dies würde zumindest mit der Wildwest-Stereotypisierung dieser Gruppen brechen und ist dem Begriff „Indianer“ vorzuziehen.

Zuletzt sind im Beitrag von Roland Knauer noch zwei terminologische Fehler zu bemerken. Einmal wird gerade im Zusammenhang mit einer Gruppierung von australischen Aborigines, den Tiwi, von „Stamm“ gesprochen. „Stamm“ ist allerdings die Bezeichnung für eine ganz spezifische soziale Organisationsform, die auf australische Aborigines nicht zutrifft. Sie identifizieren sich mit ihrer jeweiligen Sprachgruppe und werden auch in solche unterteilt. Und im Text wird außerdem davon geschrieben, dass „in weiten Teilen der Welt sesshafte Bauern und Viehhirten die Nomaden der Jäger und Sammler ablösten.“ Für JägerInnen und SammlerInnen wird aber der Begriff Nomadismus nicht verwendet, der ist Gruppen, die Viehzucht betreiben, vorbehalten.

Es wäre wünschenswert, dass sich ein Autor, der über ein an sich sehr interessantes und wichtiges Thema schreibt, über den Forschungsstand, was historische Entwicklungen betrifft, informiert. Zudem könnte er sich mit den Begrifflichkeiten in den Fachdisziplinen vertraut machen und den LeserInnen diese Weiterentwicklungen neben dem faktischen Wissen vermitteln.

Mit besten Grüßen
Mag.a Margit Wolfsberger
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung
am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien

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