Gewissenloses Islam-Bashing

Der kritische Gastkommentar erschien am 26. 6. 2010 in der Presse:

Der angebliche Zusammenhang von Islam und Gewalt –
oder wie eine Religion zum Stigma gemacht wird.

Anscheinend sind gegenwärtig in der deutschsprachigen Zeitungslandschaft Islam und Muslime das liebste Feindbild. Es geistert eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen durch Blätter und Webseiten, die die Gewaltbereitschaft junger Muslime belegen will. Damit wird Stimmung gemacht, und wieder einmal ist es anti-muslimische Stimmung.

Wenn man jedoch den Forschungsbericht Nr. 107 “Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt” genauer betrachtet, wird klar, wie schamlos in Zeitungsberichten mit dem Zahlenmaterial der Studie umgegangen wird.

Da werden nämlich „Türken“ und „Araber“ gleichgesetzt mit „Muslimen“, obwohl der Forschungsbericht deutlich macht, dass nur 86,7% der türkischen und 72,3% der arabisch/nordafrikanischen Jugendlichen in der Befragung angaben, einer islamischen Glaubensrichtung anzugehören (S. 104).

Will man daher die Ergebnisse vergleichen, müssen beim Migrationshintergrund Türkei 13,3 Prozentpunkte und beim Migrationshintergrund Arabien/Nordafrika 27,7 Prozentpunkte abgezogen werden, um die Zahlen für Muslime zu erlangen.

Dann erhält man folgende Gewalttäterraten nach Herkunft (S. 71), wobei sich die Zahlen nur auf Männer beziehen (der weibliche Anteil am Verbrechen ist laut dieser Studie selten auch nur halb so hoch):

Südamerika 36,7%
Südeuropa 30,1%
Italien 28,5%
Ex-SU 28%
Muslime aus der Türkei 26,5% (statt 30,6%)
Osteuropa 23,9%
Polen 23,5%
Muslime aus Arabien/Nordafrika 21,5% (statt 29,7%)
Deutschland 17,6%

Damit sollen keineswegs Personen mit anderer Herkunft stigmatisiert werden, es soll nur aufgezeigt werden, dass dieses Zahlenmaterial zwar zeigt, dass in Migrantenkreisen höhere Gewalttäterraten existieren, aber nicht, dass Muslime gewalttätiger sind als andere Migranten.

Und was versteht die Studie unter Gewalt? Insgesamt wurden 12 Delikte berücksichtigt: Vandalismus, Ladendiebstahl, Graffitisprühen, der Verkauf von Raubkopien, Fahrzeugdiebstahl, Einbruch, der Verkauf von Drogen sowie fünf Gewaltdelikte (Körperverletzung, schwere Körperverletzung, Raub, Erpressung und sexuelle Gewalt).

Bleibt noch die Frage: Warum sind Migranten gewalttätiger als Nicht-Migranten?
Wenn schon ein solch betrüblicher Tatbestand behauptet wird, dann könnten die Ursachen nicht ganz uninteressant sein. Und man stellt Erstaunliches fest, das man nach den Medienberichten der letzten Tage schon nicht mehr erwartet hätte.

Die niedersächsischen Kriminologen machen deutlich, dass keineswegs bloß Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen (“Machokultur”) als Ursache zu betrachten sind, sondern dass das Bildungsniveau als bedeutende Einflussgröße zu beobachten ist.

Werden nämlich die drei Regionalgebiete mit der niedrigsten und die drei Gebiete mit der höchsten Maturaquote zusammengefasst, dann ergibt sich für türkische Jugendliche (Muslime und Nicht-Muslime, männlich und weiblich) der ersten Gruppe eine Gewalttäterquote von 24,0%, für türkische Jugendliche der letzten Gruppe hingegen eine Quote von 18,4% (S. 74 f.).

Wenn demnach höhere Bildung etliche Gewalttaten zu  verhindern vermag, dann ist die Bildungspolitik gefragt – daher: Migranten in die Schulen!

Als weitere Einflussgröße erweist sich die Zahl der delinquenten Freunde: Je höher sie ist, umso größer ist die Gefahr, selbst zum Gewalttäter zu werden.

Aber auch hier sind es wieder soziale Faktoren, die Verbrechen begünstigen, denn Personen mit Migrationshintergrund gehen sehr viel häufiger als Deutsche auf Schulen, auf denen sich delinquenzbelastete Jugendliche konzentrieren, d.h. sie haben bereits durch die Schule, die sie besuchen, ein höheres Risiko, solche Gleichaltrigen als Freunde zu gewinnen (S. 82).

Es wurden als weitere Risikofaktoren für Mehrfachgewalttäterschaft ermittelt – nach dem Bildungsniveau und dem Freundeskreis: das Geschlecht (Männer weit mehr als Frauen), die Zustimmung zu Gewalt legitimierenden Männlichkeitsnormen, Gewalterfahrungen in der Familie, Inanspruchnahme staatlicher Leistungen, der Besuch einer Haupt- oder Förderschule, der Konsum von Alkohol oder Drogen sowie intensives Schulschwänzen (S. 84).

Nach Einbeziehung all dieser Faktoren stellt der Forschungsbericht auf Seite 86 fest, dass kein signifikanter Unterschied im Gewaltpotential von migrantischen und deutschen Jugendlichen besteht.

In Zahlen: Die Gewalttäterrate beträgt 5,7% bei 17.318 befragten deutschen Männern und Frauen und 5,9% bei 505 befragten  Halbwüchsigen mit türkischen Wurzeln (Muslime und Nicht-Muslime, männlich und weiblich).

Mit anderen Worten: Es ist nicht der Migrationshintergrund für sich genommen, der Verbrecher macht und schon gar nicht die Herkunft oder Religion. Die Ursache für gewalttätige Praxen sind vielmehr die Bedingungen, unter denen Migranten aufwachsen und leben (S. 85 f.). Die Verantwortung für genau diese Ursachen liegt also durchaus auch im Bereich der Mehrheitsgesellschaft.

Umso gewissenloser ist daher das derzeit modische Islam-Bashing, das immer mehr zunimmt, obwohl immer wieder festgestellt wird, dass es durch empirische Erhebungen nicht zu rechtfertigen ist.

Dr. Ingrid Thurner
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung

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