Himmel oder Hölle. Betrachtungen zur Berichterstattung über den Südpazifik

Ein Zyklon fegt durch den Pazifik und zerstört die Lebensgrundlage von einigen pazifischen Inselstaaten. Hula-Tänzerinnen besuchen im Gedenken an den hawai’ianischen König Kalakaua Wien und tanzen im Hotel Imperial. Auf Pitcairn, der Insel mit Nachkommen der Meuterer von der Bounty und polynesischen Frauen, gibt es Baugrund zu erwerben. Westpapua wird als vernachlässigter Krisenherd vorgestellt. Dazwischen die bunten Prospekte von Tourismusbüros bei der Ferienmesse, in Diskonterfilialen findet man Reiseangebote und in den Tourismusseiten von Zeitungen schöne Bilder, die die „Südsee“ bewerben. Dazu kommen Dokumentationen in verschiedenen Sendern zu Natur und deren Bedrohung im Pazifik oder auch eine seichte Krimi-Serie mit Hawai’i als Hintergrundkulisse.

Diese und ähnliche mediale Produkte waren seit Jänner 2015 zum Südpazifik in Österreich wahrzunehmen. Auffällig ist dabei das Muster, das sich seit Jahren, Jahrzehnten, womöglich seit Jahrhunderten feststellen lässt: Die Weltregion Südpazifik wird entweder als „Himmel“ auf Erden wahrgenommen und medial vermarktet oder als „Hölle“, in der Naturgewalten und auch menschliche Brutalität ungezügelt walten, was Zerstörung bis Auslöschung der dort angesiedelten Menschen, Tiere und Pflanzen bedeuten. Die barbusigen oder mit lächerlichen Kokosnuss-Bhs ausgestatteten „Südsee“-Maiden sind ebenso fixes Inventar des „Südsee“-Bildes wie Kannibalen und Despoten. Vulkanausbrüche, Meeresuntiefen oder Haifischattacken waren die Bedrohungen durch die Natur in der Vergangenheit. Heute sind Erdbeben und Tsunamis, Überschwemmungen in Folge des Klimawandels und Zyklone in El Niño-Jahren Katastrophenszenarien, die regelmäßig aus der „Südsee“ in unsere Wohnzimmer transportiert werden.

Die Tourismusbranche propagiert andererseits idyllische Bilder von Sandstränden, Palmen, klarem Meereswasser, lachenden Einheimischen, luxuriösen Hotelanlagen, um Reisende mit „Südsee“-Bildern in den Südpazifik zu locken. Alles das ist dort vorhanden, ebenso wie Müllprobleme, unsichere Wasserversorgung, Stromausfälle, Diabetes und andere Zivilisationskrankheiten, Jugendarbeitslosigkeit, Korruption und politische Krisen, familiäre Gewalt, Armutskriminalität. Und daneben gibt es auch Supermärkte und Marktstände, Autos und Auslegerboote, Patriarchat und Feminismus, Aufklärung über AIDS, lokale Umweltinitiativen, transnationale Konzerne, internationale NGOs, Schulkinder und Lehrlinge, Polizistinnen und Regierungsbeamte, Priester und Händlerinnen, Ärztinnen und Taxifahrer und vieles mehr.

Der Südpazifik ist eine vielfältige Weltregion mit unzähligen Sprachen, unterschiedlichsten sozialen Organisationsformen, verschiedenen Religionen, politischen Parteien, staatlichen Gebilden – kurz es gäbe auf der Erde, im Alltag vieles zwischen Himmel und Hölle zu entdecken, nur leider ist es für die meisten österreichischen Medien noch immer wichtiger, die seit Jahrhunderten bestehenden Stereotypen über Arkadien/Paradies/Garten Eden in Bezug auf den Südpazifik zu bedienen und zu verbreiten. Auch eine Qualitätszeitung wie Der Standard ist davon nicht ausgenommen. In den Berichten in den letzten Tagen werden ebenso die Bedrohungsszenarien des „Paradieses“ (Südsee-Albträume und Zyklon Pam wütet im Pazifik-Paradies 16.3.2015) evoziert wie die Lächerlichmachung von Menschen im Südpazifik (Staatspräsident mithilfe des Allmächtigen 16.3.2015 Kopf des Tages). Dies wäre nicht so gravierend, wenn es öfters über den Südpazifik und auch den oben erwähnten Alltag der Menschen Berichte gäbe. Dann hätten wir ein facettenreicheres und auch realistischeres Bild von jener Weltregion im Kopf, vergleichbar mit Tourismusregionen und Sehnsuchtsorten in Europa wie die Toskana, griechische Inseln, schottische Moore oder auch die Tiroler Alpen.

Beim Kopf des Tages missfällt uns, dass der Autor des Porträts den Präsidenten von Vanuatu so stark vom Glauben geleitet darstellt und dies seinem politischen Handeln eine lächerlich bis irrationale Note gibt. Religion spielt im gesamten Südpazifik eine sehr große Rolle und durchdringt alle Lebensbereiche. Aber sie ist selbstverständlich nicht die einzige Richtschnur, die das Handeln leitet und gleichzeitig gibt es sehr kluge und gute PolitikerInnen, die auch gläubig sind. So wie es genauso schlechte gibt.

Die Darstellung von Menschen aus Ozeanien wird häufig mit Attributen gekoppelt, die ihr Ansehen ihre Leistung und ihre Macht konterkarieren. Dies ist bei Berichten über Fussballer aus pazifischen Staaten ebenso der Fall wie bei PolitikerInnen, die sich zum Beispiel auf der politischen Weltbühne gegen den Klimawandel engagieren. Dahinter steht – bewusst oder unbewusst – eine Geringschätzung von “InsulanerInnen” und die bereits historisch schon lange ausgeübte Herabsetzung und Verkleinerung von Menschen in Ozeanien – nur so kann das Bild des “Edlen Wilden” in unseren Köpfen bewahrt bleiben und damit auch unsere defacto Verfügungsgewalt über diese Weltregion.

Zu unserer Kritik am Kopf des Tages muss gesagt werden, dass auch hier ein einziger Beitrag im immer etwas launig gehalten Stil dieser Rubrik bedauerlich aber nicht weiter erwähnenswert, wenn es demgegenüber eine Fülle an Berichten über die politischen Entwicklungen und AkteurInnen im Pazifik gäbe, aber dem ist nicht so und daher ragt so ein seltener missglückter Bericht auch so besonders kritikwürdig hervor.

Die mediale Vielfalt und notwendigen Korrektive fehlen bei den pazifischen Staaten und so bleiben nur Katastrophen-Schlaglichter und der kontinuierliche Strom der stereotypen Bilder zur „Südsee“, einem Ort, den es nur in unseren Vorstellungen, Träumen und manchmal Albträumen gibt. Mit der Lebensrealität der Menschen, die dort leben, hat er wenig zu tun. Es wäre Pflicht der Medien dies zu vermitteln, denn sowohl Kolonialisierung als auch Globalisierung verbinden den Südpazifik mit dem Rest der Welt und diese Wechselwirkungen fallen meistens zu ungunsten der Menschen im Pazifik aus. Dies lässt sich angesichts von „Paradies“-Vorstellungen allerdings nur sehr schwer vermitteln und argumentieren und daher wird auch notwendige politische Aktion verhindert.

 

Mag.a Margit Wolfsberger
Für die Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung
an der Universität Wien

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