Immer wieder „Südsee“!

Am 10. August 2009 veröffentlichte Der Standard die erste Folge einer neuen Artikelserie „Exotische Staaten“ unter der Überschrift „Politik mit der Wurzel des Pfefferbaums“ und berichtete darin über Tonga, Fidschi, Niue und Hutt River:

http://derstandard.at/fs/1246544074318/Serie-Exotische-Laender-Politik-mit-der-Wurzel-des-Pfefferbaums

sowie in einem Zusatzartikel „Warum Tuvalu ein Staat ist, Prinz Leonard aber kein echter Prinz“ über völkerrechtliche Aspekte von Kleinstaaten:

http://derstandard.at/fs/1246544075191/Warum-Tuvalu-ein-Staat-ist-Prinz-Leonard-aber-kein-echter-Prinz

TMB meint dazu Folgendes:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich begrüße es sehr, dass Sie das Sommerloch nutzen, um auch unbekannte und weltpolitisch nicht sehr stark beachtete Regionen vorzustellen – ich lehne dies aber unter dem Etikett „Exotische Länder“ ab und hoffe, dass die Exotik für Sie nicht das einzige Auswahlkriterium ist. Zum Teil 1 über Staaten in Ozeanien möchte ich folgende Kritik anbringen – es ist sehr schade, dass ein Beitrag auf der Seite zwei im Standard zu Ozeanien für eine nur sehr oberflächliche Analyse der politischen Systeme dieser Region genutzt wird. Vielmehr werden überflüssige Details und alte Klischees produziert, wie die Übergewichtigkeit des verstorbenen Königs von Tonga, der bei seinem Besuch in Europa die Idealmaße „zivilisierter“ (?) Aristokrat/inn/en sprengt. Diese Beschreibung könnte auch aus einem Zeitungsartikel des 19. Jahrhunderts anlässlich des Besuchs des hawai’ianischen Königs Kalakaua (siehe dazu die minutiöse Dokumentation von Karl R. Wernhart – Der König von Hawaii in Wien 1881) stammen. Und er ist auch in einer Linie mit den Beschreibungen der tahitianischen Königin Pomaré von Ida Pfeiffervon 1850 (nachzulesen bei Gabriele Habinger).

Vor der exotischen Folie der „Südsee“ wurden europäische Werte als Universalien kritisiert oder bestätigt. Es wäre doch angebracht, diese Traditionen im 21. Jahrhundert in einer dem kritischen Journalismus verpflichteten Zeitung zu hinterfragen und die kulturellen und gesellschaftlichen Errungenschaften und Eigenheiten jeder Region für sich zu betrachten UND sie gleichzeitig kulturvermittelnd für das österreichische Publikum darzustellen. Insofern versäumt es der Autor etwa den Hinweis auf die enorme Bedeutung von Kava als Zeremonialgetränk in Ozeanien zu erläutern. Auch in unseren Kulturen gibt es solche Getränke – Wein oder auch Kaffee beispielsweise – und aus dieser Perspektive verliert Kava seinen exotischen Nimbus als unbekannter „Zaubertrank“ und die abwertende Beschreibung als „braune Brühe“ könnte unterbleiben, oder wie würde Kaffee von einem fremden Besucher bezeichnet werden?

Leider spricht auch der Beitrag über völkerrechtliche Aspekte Ozeaniens nur oberflächliche Erscheinungen an, aber gerade hier wäre eine Analyse wirklich spannend, da durch den Klimawandel in dieser Region als erster tatsächlich in absehbarer Zeit Staatsterritorien unbewohnbar werden und vielleicht ganze Nationalstaaten in einen anderen Staat übersiedeln müssen. Was geschieht dann mit diesen Staaten im Staat? Werden sie weiterhin von der UNO etc. als souveräne Staaten anerkannt? Wo fühlen sich die Bewohner/innen zugehörig? …

Ozeanien bietet auch im 21. Jahrhundert Anregungen für unser Denken und kratzt an westlichen Ideen. Um diese wahrzunehmen, bedarf es allerdings eines weniger geringschätzigen Blickes auf diese Staaten und ihre Bewohner/innen und ausdrücklich möchte ich hier eine bereits altbekannte Erkenntnis der Kultur- und Sozialanthropologie vorbringen – nämlich das Exotismus und Idealisierung nur eine andere Seite von Rassismus sind und ein gleichberechtigtes oder respektvolles Wahrnehmen und Kennenlernen verhindern.

Daher ist meine letzte Forderung an den Standard allgemein endlich die Bezeichnung „Südsee“ für diese Region aufzugeben und durch Ozeanien oder Pazifik, pazifische Staaten oder Südpazifik zu ersetzen. „Südsee“ verweist auf das eurozentristische Konstrukt dieser Region als „Paradies“ und „Garten Eden“. Es ist ein historisch besetzter Begriff, der ungefähr in einer Linie mit „Morgenland“ oder „Abendland“ steht. Wer würde bei einer Aufzählung europäischer Staaten „Österreich, Abendland“ schreiben?? Im Englischen, der Sprache, die auch in den meisten pazifischen Staaten gesprochen wird, ist „Southern Seas“ jedenfalls aus der politischen Sprache schon lange verschwunden und auch die Berichterstattung über die Region verwendet dies nicht mehr. Eine Ausnahme bildet einzig und allein der Tourismus – die Reise ins „Paradies“ lässt sich immer noch am besten mit „Südsee-Phantasien“ verkaufen. Eine Zeitung sollte diesen „Trick“ in der politischen Berichterstattung hoffentlich nicht notwendig haben.

Mit freundlichen Grüßen

Mag.a Margit Wolfsberger
Vizepräsidentin der Österr.-Südpazifischen Gesellschaft
(www.ospg.org)

Auf diesen Leserinnenbrief vom 12.8.2009 reagierte Der Standard mit:

Sehr geehrte Frau Mag.a Wolfsberger

Danke für Ihr E-Mail, danke, dass Sie uns Ihre Einwände sogleich mitteilen.

Der angesprochene Beitrag war die Auftaktseite zu einer Berichterstattung, die fortgesetzt und vertieft werden soll. In den weiteren Beiträgen werden Sie gewiss die inhaltliche Tiefe finden, die Sie im ersten Übersichtsartikel vermisst haben.

Sie stoßen sich am Begriff „exotisch“. Ich kann den Einwand verstehen, dennoch muss ich entgegnen, dass das eben die Folie ist, auf der wir Interesse für die Region erreichen können.

Es ist auch nicht zu bestreiten, dass der Artikel aus einem strikt westlichen Blickwinkel verfasst ist. Wir haben keinen anderen, das schließt ja aber doch den Versuch des Eingehens auf andere Kulturen und den Versuch des  Verständnisses nicht aus. Ich werde die Kritik aber an meine Kollegen weitergeben und bin überzeugt, dass das die Sensibilität ganz in Ihrem Sinn schärfen wird.

Mit freundlichen Grüßen.

Otto Ranftl
Leserbeauftragter
Leitender Redakteur
Der Standard

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar»
  1. Sehr guter Beitrag . Hier sieht man einmal mehr das auch bein scheinbar seriösen Zeitungen das Thema populistisch angegangen wird. All Diese schönen prächtigen Farben , Die jahrhunderte alte Kultur und der Umgang der Menschen mit ihrer Umgebung , wird uninteressant wenn der Klimawandel weiter fortschreitet und diese Exoten von den nassen Fluten überrollt werden

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail wird nicht veröffentlicht.

(erforderlich)
(erforderlich)