Interview von Michael Völker mit Außenminister Michael Spindelegger „Wir wollen keine Parallelgesellschaften“

LeserInnen-Kommentar zum Interview von Michael Völker mit Außenminister Michael Spindelegger „Wir wollen keine Parallelgesellschaften“, Der Standard Ausgabe 6./7. März 2010

In der Wochenendausgabe des Standard durfte Außenminister Michael Spindelegger im Interview mit Michael Völker wieder das diskussionswürdige Integrationsverständnis der derzeitigen Regierung darstellen: Titel des Interviews (und der Regierungslinie): „Wir wollen keine Parallelgesellschaften“. Im Text wird die Regierungslinie dann detailliert ausgeführt: Wir schaffen selbst Parallelstrukturen, z.B. Sprachschulen für Kinder mit Migrationshintergrund, drohen bei angeblicher Nichtintegration Sanktionen an und bekämpfen Rassismus, der Integration verhindert, nur in Form von Lippenbekenntnissen. Kritikwürdig ist aber nicht nur die Position der Regierung, sondern auch die journalistische Bereitwilligkeit, sich in diesen Diskurs über Pflichten ohne Rechte einzufügen.

Das Interview begann viel versprechend mit der Frage nach möglichen Gründen häufiger rassistischer und fremdenfeindlicher Übergriffe von ÖsterreicherInnen auf v.a. afrikanische und muslimische MitbürgerInnen und was dagegen zu tun sei. Doch gibt sich Völker nur allzu schnell mit der pauschalen Antwort des Außenministers, Integration sei die Lösung, man müsse einen „anderen Zugang“ finden und den „neuen Österreichern“ eine „bessere Perspektive“ für die Zukunft bieten, zufrieden. Mehr noch, er selbst lenkt das Thema auf den hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund an österreichischen Schulen und gibt so den Weg frei, um über Integrationsdefizite und damit die Bringschuld von MigrantInnen zu sprechen. Die Rolle von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bei den Integrationsbemühungen der „neuen ÖsterreicherInnen“ bleibt unerwähnt. In den folgenden Absätzen  verabsäumt es Völker, die Botschaften des Ministers kritisch zu hinterfragen, um vielleicht doch noch eine Antwort auf seine Eingangsfrage zu erhalten. So hakt er nicht nach, als der Minister erklärt, „sprachliches Rüstzeug“ sei unabdingbar für den sozialen Aufstieg, eine durchaus richtige und wichtige Annahme. Die Frage, was Deutschkenntnisse gegen Diskriminierung am Arbeitsmarkt aufgrund der Herkunft, des Namens, des Aussehens, etc. ausrichten könnten, wäre in diesem Zusammenhang aber durchaus von Interesse gewesen. Auch der Vorschlag des Ministers, Eltern zu sanktionieren, deren Kinder keinen schulischen Erfolg in Sachen Spracherwerb vorweisen können, wird in keiner Weise kritisch hinterfragt. Dabei scheint der Widerspruch, sozial benachteiligte und oft bildungsferne Gruppen mit dem Entzug von Sozialleistungen „fördern“ zu wollen, geradezu offensichtlich.

Damit stellt sich die Frage nach dem Integrationsverständnis von JournalistInnen, das offensichtliche Schwachpunkte scheinbar „neuer“ politischer Ansätze nicht aufzudecken vermag. Schade, denn durch eine solch unkritische Interviewstrategie wird es PolitikerInnen leicht gemacht, unangenehmen Themen auszuweichen anstatt sich auf eine kritische Diskussion einlassen zu müssen. Darauf müssen wir LeserInnen offenbar weiterhin vergeblich warten.

Mag.a Christina Hollomey, Wien
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung

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