Islam hat eine schlechte Presse

Der Kommentar ist am 2. Juni 2016 in Die Furche erschienen.

Unterzieht man die Schlagzeilen der letzten Zeit in Google News einer Wortanalyse, dominieren beim Thema Islam die Substantive Gewalt, Terror, Krieg, Delikte, Überwachung, Dschihadismus, Islamismus, Hetze, Anti-Islam, Verfassungsschutz, die Adjektive radikal, bedrohlich, nicht kontrollierbar, die Verben warnen, verschärfen, beschimpfen, fordern, gehört zu, gehört nicht zu.

Moschee und Minarett sind ein bisschen in den Hintergrund gerückt, Kopftücher und Burka erweisen sich als Dauerbrenner. Einige Themenbereiche haben sich in letzter Zeit dazugesellt, so der Händedruck und dessen Ablehnung. Letztere wird nach wie vor als Beleidigung gedeutet, obwohl es einige Artikel gegeben hat, die darauf hinwiesen, dass die – übrigens nur von wenigen – Juden und Muslimen verweigerte Handreichung tatsächlich als Haltung des Respekts dem andersgeschlechtlichen Gegenüber zu verstehen ist.

Hinzu kommt, dass Muslime und Musliminnen, sowie sie eine Zeitung aufschlagen, mit einem Katalog von Forderungen konfrontiert sind – Deutsch lernen, integrieren, Leistung erbringen, Werte erlernen – mit negativen Zuschreibungen und einem Islambild, das rein gar nichts von dem widerspiegelt wie die Gläubigen selbst ihre Religion wahrnehmen, nämlich als eine des Friedens und der Versöhnung. Kann so die Inklusion aller Menschen, die in Österreich leben, gelingen?

In einen Zusammenhang mit der Berichterstattung zu Islamthemen kann man auch die statistisch belegte Zunahme von Delikten aus rassistischen, rechtsextremen Motiven bringen. Der mediale Aufschrei über die wachsende Neonazi-Kriminalität ertönt jedoch sehr viel leiser, wie beispielsweise nach dem Ausrasten des Amokläufers in Vorarlberg. Und obwohl es durchaus zur Neonazi-Kampfrhetorik gehört, das christliche Abendland verteidigen zu wollen, werden deren Untaten nicht der Religion angelastet, und bisher ist auch keine Zeitung auf die Idee verfallen, zwecks Ursachenbekämpfung eine Reform des Christentums zu fordern.

Vom Islam hingegen droht Gefahr, sie heißt Dschihadismus, Islamismus und – ganz böse – Scharia, alles gefährlich, Jugendliche gleiten in ihn ab, Frauen trauen sich seinetwegen nicht mehr auf die Straße, die U6 und der Gürtel – Hotspots höchster Gefahr.

Jedoch ist Drogenhandel – wie alle Gesetzesübertretungen – keine konfessionsgebundene Aktivität. Wer jung ist, kein Geld hat und einen Überfluss an Zeit, aber keine Chance sieht, sich dem Überlebenskampf je auf legalem Weg stellen zu können: Was sollen solche Menschen – unabhängig von der Religionszugehörigkeit – tun, um ihren Unterhalt zu bestreiten? Es ist eine Verkennung von Ursachen, soziale Probleme zu konfessionalisieren und Abschiebungen und Gefängnisstrafen zu fordern, wie das in manch einseitiger Berichterstattung geschieht. Dies wäre bloß Symptombekämpfung. Die Lösung kann allein darin liegen, Arbeitsmöglichkeiten und Hoffnung zu schaffen – und in einer globalisierten Welt bedeutet dies: für alle, unabhängig von Herkunft und Religion. Hier ist die Politik gefordert.

Ingrid Thurner

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Sehr geehrte Frau Thurner,

ich habe gerade in der Furche Ihren Artikel über die mediale und verbale Negativbeschreibung des Islam gelesen und möchte mich dafür bedanken! Sie sprechen mir damit aus der Seele. Als christliche Religionspädagogin leide ich seit langem mit den muslimischen KollegInnen und Gläubigen hier in Österreich mit. Da müssen wir zunehmend gesellschaftlich – eben auch medial dagegen halten und das tun Sie mit Ihrem Text sehr treffend finde ich!

Die Vielfalt innerhalb der muslimischen Gläubigen ist noch viel bunter als innerhalb der christlichen Gläubigen (– und auch die ist schon sehr beträchtlich) – so beschreibt es etwa der Professor für Islamische Religionspädagogik Zekirija Sejdini (Uni Innsbruck). Und – ob Christentum oder Islam – beide Religionen haben zentrale Bezugsquellen, die von Versöhnung, Solidarität, Barmherzigkeit und Frieden reden. Und beide haben ihre Schattenseiten.

Vielen Dank, dass Sie für eine  differenzierte Wahrnehmung kultureller und religiöser Vielfalten in der medialen Berichterstattung und für eine Politik der Gerechtigkeit eintreten!

Mit freundlichen Grüßen

Silvia Habringer-Hagleitner

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HSProf.in Mag.Dr.habil. Silvia Habringer-Hagleitner
Pädagogische Hochschule der Diözese Linz
Leiterin des Instituts Ausbildung für Religionslehrer/-innen

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