Islamophobe Stimmungsmache.

Unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit ist Rassismus salonfähig geworden.

Der Artikel erschien am 21. 10. 2010 in der Presse

Der Autor des Gastkommentars „Alles nur Faschisten?“ in der Presse vom 12. 10. 2010, wurde vor allem durch Bruno Kreiskys Aufforderung, er solle Geschichte lernen, bekannt. Um hier einen historischen Vergleich zu ziehen: Zu Kreiskys Lebzeiten und schon gar zu seiner Regierungszeit wäre ein solcher Artikel der Volksverhetzung nicht möglich gewesen. Die Presse hätte ihn nicht gedruckt. Es wäre auch über Jahrzehnte in Österreich eine solche FPÖ nicht möglich gewesen, der ausnahmslos alle anderen Parteien nichts entgegenzusetzen haben, einfach deswegen, weil H. C. Strache den Feind klar zu benennen weiß: Ausländer, insbesondere Muslime. Und die sind nun an allem schuld, was nicht so ist, wie es sein sollte, und wie es die Schreiber solcher peinlichen, jede Rechtsstaatlichkeit und Menschlichkeit verletzenden Zeilen, gerne hätten.

Dieser Text strotzt vor Rassismen und zwar ganz kruden biologischen und kulturellen Rassismen, die nicht durch irgendwelche Tünche kaschiert werden. Wie ist es möglich, in einem Land, in dem alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, einen solchen Gastkommentar zu veröffentlichen, der eine ganze Nation und jeden einzelnen ihrer Angehörigen diskriminiert? Wieso wird unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit jeder noch so abscheuliche Rassismus plötzlich akzeptabel?

Wenn da steht: Türken “sind laut, halten sich an keine Hausregel, verunreinigen das Stiegenhaus.” Dann ist dieser Satz eine Schmähung, eine Kränkung. Das Demütigendste, das man einem Menschen vorwerfen kann, ist, dass er schmutzig sei. Es wäre interessant zu erfahren, was diese Personen, mit denen der Autor seine Erlebnisse hatte, die er solchermaßen erniedrigt, von ihm für eine Meinung haben, was sie über ihn zu berichten wissen.

Wenn da steht: “Einem türkischen Mann verbietet es seine Ehre, sich von einem Familienfremden etwas sagen zu lassen”. Wie funktioniert dann die Türkei? Wie ist es der Türkei gelungen, laut dem Human Development Index (HDI) 2009, der Kaufkraft, Lebenserwartung und Bildungsniveau misst – kurz, die Lebensqualität -, zu den hoch entwickelten Ländern zu gehören, wenn sich dort angeblich niemand etwas von familienfremden Vorgesetzten sagen lässt? Wie ist dies einem Volk gelungen, das als “Autorität … außer dem Vater niemand akzeptiert”? Wir von der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung (www.univie.ac.at/tmb) fragen uns: Wie passt das mit den bildungsresistenten Analphabeten zusammen, als die die Türken, alle Türken, hier dargestellt werden?

 Die Argumentation dieses Textes ist absurd, denn da sind keine Argumente, sondern Beispiele: Ein türkischer Familienvater hat klargemacht, dass er sich von Frauen nichts sagen lässt. Das gilt nun für alle Männer türkischer Herkunft. Wenn Jugendliche sich daneben benehmen, ist die gesamte Kultur daran schuld, wahlweise auch die Religion. Fehlverhalten eines einzelnen wird allen angelastet. Tragisch ist, dass Österreich auf dem Niveau der Menschlichkeit, des Respekts vor einer anderen Kultur, so weit herabgekommen ist, dass man gezwungen ist, gegen solche Sätze Argumente vorzubringen.

Natürlich ist es genauso wenig hilfreich, Nachbarschaftsprobleme wegzudiskutieren, wie sie Türken in die Schuhe zu schieben. Doch hier sollte die Presse nicht mithelfen, Konflikte zu ethnisieren, sondern Hintergründe aufdecken und über Lösungsansätze wie z.B. Stadtteilmediation berichten. Wenn ältere Menschen Angst haben, dann hauptsächlich deswegen, weil solche Hetzkampagnen betrieben werden, weil solche Hassprediger salonfähig geworden sind und Medien ihnen willig eine Plattform bieten. Was wir brauchen ist nicht islamophobe Stimmungsmache, sondern eine Bildungs-, Kommunikations- und Wohnpolitik, die Anderssprachige und Andersgläubige gleichmäßig auf Bezirke, Häuser und Schulen verteilt, und auf persönlicher Ebene Vorurteile ausräumen hilft.

Ingrid Thurner
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung (www.univie.ac.at/tmb)

3 Kommentare

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  1. Majid Daif

    Ich habe angst um Europa s Zukunft. Die damalige Fehler kommen wieder. Rassismus ist salonfähig geworden. Rassismus bringt Stimmen. Heisst es dass Europa so rassistisch wie vor dem 2. Weltkrieg….
    Wird Europa noch ein zweites mal …anti..simit..
    Ist Europa schon Opfer von der Media Politik der letzten 30 Jahren,
    Ist es nicht zu spaet…
    Ich glaube noch an Europa die ich liebe, Europa der Freiheit, Europa der demokratie und der Menschenrechte.

  2. ingrid

    hallo majid, danke für deinen kommentar, wir teilen deine ängste, deswegen gibt es diesen blog, in dem wir mit worten dagegen kämpfen. ingrid

  3. wulf

    liebe frau thurner,

    klare worte gegen rassismus. ich wünsche mir mehr solche aussagen in der breiten öffentlichkeit.
    big respect an die tmb. lg wulf

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