Klischees fressen Hirn auf?

Im Jänner 2011 wurden die verbrannten Leichenteile einer jungen Frau in der Slowakei gefunden, die von ihrem Pflegevater in Österreich mutmaßlich missbraucht und ermordet wurde. Im Juni 2011 fand man in Bratislava die verbrannte Leiche einer Frau, die in Wien bereits seit sieben Monaten vermisst wurde. Niemand vermutete, dass der oder die Täter die Leichen der Frauen im Feuer zubereitet und gegessen hätten, sondern sich vielmehr auf diese Weise der Leichen entledigt haben, um ihre Verbrechen zu vertuschen. Im Oktober 2011 werden verbrannte Leichenteile eines Mannes gefunden, der mit seiner Freundin auf einer Yacht vor Nuku Hiva ankert. Die Schlagzeile in Ihrer Zeitung am 17.10.2011 (und in weiteren Boulevardblättern weltweit): Deutscher in Südsee von Kannibalen ermordet? Obwohl es bis dato keinen einzigen Hinweis auf eine kannibalische Tat gibt – alle Berichte sprechen von verbrannten Leichenresten und einer Gewalttat gegenüber der Freundin des Opfers – reicht der Tatort, nämlich die Marquesas-Inseln in Französisch-Polynesien, dass ein möglicher Fall von Kannibalismus im Raum steht.

Vorurteilsbehaftete Beobachtungen und moralische Entrüstung durch die ersten europäischen Besucher, schlecht überliefertes Wissen um die Zusammenhänge von rituellem Kannibalismus, Gruselmotiv in populären Medien von Comics bis zu Spielfilmen und die Sensationslust der heutigen Massenmedien genügen, um die Menschen des Südpazifiks im 21. Jahrhundert bei einem Kriminalfall wie diesem schnurstracks in die Vergangenheit „zurück zu schreiben“ und sie als das zu verurteilen, was stets ihre Rolle in der westlichen Welt war, nämlich die der „edlen“ oder „animalischen“ Wilden im irdischen Garten Eden.

Es wäre besser, wenn Sie nicht auf der Klaviatur der Klischees bei so einer Gerüchte-Meldung mitspielen würden.

 

Mag.a Margit Wolfsberger

Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung an der Universität Wien

und Obfrau der Österreichisch-Südpazifischen Gesellschaft

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Meldung in „ÖSTERREICH“ – S. 10 TOP-NEWS AUS ALLER WELT:

„Deutscher in Südsee von Kannibalen ermordert? Noch ist es nur ein grausiger Verdacht: Der deutsche Weltumsegler Stefan R. soll an einem der paradiesischsten Orte dieser Welt einem Kannibalen zum Opfer gefallen sein. Auf der Südsee-Insel Nuku Hiva fand die Polizei Knochenreste in einem Lagerfeuer. Ein Einheimischer wird verdächtigt.“

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