Knigge für Flüchtlinge

Der Kommentar erschien am 21. 10. 2015 in der Wiener Zeitung.

In letzter Zeit wird Flüchtlingen mittels Verhaltenskodex eingebläut, was die Willkommensschilder an Grenzübergängen und Bahnhöfen tatsächlich bedeuten.

Bei den Benimmregeln, die nunmehr für Zuwanderer erstellt werden, fällt auf, dass sie sich vorwiegend an muslimische Flüchtlinge richten. Dabei wird von vorne herein angenommen, dass Leute muslimischen Glaubens sich grundsätzlich nicht so zu benehmen wissen, wie es hierzulande erwünscht ist. Freudig greifen Medien das Thema auf, bis hin zu jenen, die sich gerne als unabhängige Qualitätsblätter sehen und sonst linksliberal gebärden.

Besonders überflüssig ist der Hinweis an die Neuankommenden, dass sie sich an die hierorts geltenden Gesetze zu halten haben – als ob das nicht überall auf der Welt eine Forderung des Staates an seine Bürger und Bürgerinnen wäre. Zudem sind die Geflohenen und Vertriebenen sozialisiert in Diktaturen und wissen genau, was ihnen droht, wenn sie Anordnungen zuwiderhandeln.

Eines der großen Anliegen derjenigen, die die Flüchtlinge Mores lehren wollen: Frauen. Wie sie zu behandeln sind, dass man sie respektieren muss und gleichberechtigt betrachten und dass man sie nicht belästigen und nicht ihre Telefon-Nummern und Facebook-Daten erfragen darf. Schwingt da Eifersucht mit? Das Erstaunliche ist nämlich: Die Frauenverteidigung haben vor allem Männer übernommen. Und noch erstaunlicher: Es sind FPÖ-Funktionäre, populistische Politiker, rechts-konservative Meinungsmacher, vor allem Personen also, die bisher gar nicht damit aufgefallen sind, sich für Frauenrechte stark zu machen.

Zu den üblichen stereotypen Beschuldigungen gegenüber den Angehörigen des Islam ist in den Hausordnungen und Leitfäden eine neue hinzugekommen: der Vorwurf des Schmutzes. In keinem Katalog fehlen Hinweise zur Müllentsorgung und Toilettenbenutzung.

Unsauberkeit und Unordnung sind aber eine Frage der Umstände und nicht der Nationalität oder der Religion. Leider mangelt es in den in aller Eile errichteten Notunterkünften da und dort an Einrichtungen im Sanitärbereich – wobei die Bemühungen um rasche Abhilfe durch Regierungs-, Nicht-Regierungs- und zivilgesellschaftliche Initiativen bewunderungswürdig sind.

Wenn zu viele Menschen auf zu wenig Raum zu lange in unsicherer Warteposition verbleiben müssen, verbreiten sich Zank und Hader, Dreck und Viren. Diesen ewigen Begleitern von Katastrophen, die auf infrastrukturelle und organisatorische Mängel zurückzuführen sind, wird mit beleidigenden Maßregelungen der Opfer nicht beizukommen sein. Genau darin ist das eigentliche schlechte Benehmen zu sehen: diejenigen, die als fremd wahrgenommen werden, die Familienangehörige und Freunde verloren haben, die oft nichts als das nackte Leben retten konnten, auch noch als schmutzig zu diffamieren. Tatsächlich wären Leitfäden und Broschüren gegen solche Einstellungen und Äußerungen längst überfällig.

Aus Sicht vieler Muslime und Musliminnen aus allen Teilen der Welt sind übrigens mitteleuropäische Toiletten unhygienisch, denn es gibt häufig kein Wasser, wohingegen sie sich sofort mit sauberem Wasser zu reinigen pflegen. Deswegen sind die Sanitärbereiche in Ländern mit vorwiegend islamischer Bevölkerung im Allgemeinen technisch und formal anders ausgeführt als die hierorts üblichen. Die Bedienung kulturell unterschiedlicher Systeme muss man erst erlernen, der Gebrauch ist gewöhnungsbedürftig. Wenn ein Autobus europäischer Touristen eine syrische Toilette gestürmt hat, ist sie garantiert unbenützbar. Dafür sind Bedienungsanleitungen direkt am stillen Örtchen sinnvoll, nicht jedoch als Willkommensgruß in Syrien oder anderswo.

Zum Thema fehlende Reinlichkeit bleibt dessen Universalität festzuhalten: Immer schon sah man Männer in Blumenbeeten und Hauseingängen ihre Stoffwechselendprodukte entsorgen, auch als man für solches Tun noch nicht Flüchtlinge verantwortlich machen konnte, weil es wenig Zuwanderung gab. Das öffentliche Männerpinkeln soll auch bei den sich virusartig verbreitenden Oktoberfesten gang und gäbe sein, ebenso nach Fußballspielen, beim samstäglichen Party-Machen und beim urlaubsbedingten Über-die-Stränge-Schlagen.

Die Forderung, muslimischen Einwanderern gegenüber klarzustellen, dass wir hier im Westen sind, und dass sie sich „unserer Kultur“ anzupassen haben, spricht den vielen Willkommensschildern auf den Bahnhöfen Hohn. Denn von Menschen, die man gastlich aufnimmt, kann man nicht einfach verlangen, dass sie sich bedingungslos anpassen, sondern man muss sie auch teilhaben lassen an Ereignissen und Diskursen und ihnen selbstverständlich ein Mitspracherecht darüber einräumen, was „unsere Kultur“ sein soll. Eine Einteilung der Bevölkerung in „wir“ und „sie“, in solche, die dazugehören und solche, die nur geduldet werden, ist unmenschlich. Damit zeigt man den Neuzugewanderten nur, dass sie anders sind, dass sie fremd sind, und dass sie nämlich genau nicht willkommen sind. Und dann werden sie sich abschotten und nur untereinander verkehren. Und das wird man ihnen dann auch wieder vorwerfen.

Ingrid Thurner

2 Kommentare

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  1. Ein Herr, der oft in Syrien war, berichtete, daß dort Frauen, die nach 22:00 Uhr noch alleine unterwegs waren, als Prostituierte angesehen wurden. Solange er seine Partnerin noch als unverheitatet vorstellte, begannen die Männer sofort, Heiratsanträge zu machen, so gingen sie über, sich als verheiratet zu deklarieren. Es gibt, bei uns in Deutschland, viele Berichte, daß gerade jugendliche Syrer, ob mit echtem oder gekauften Pass, die Autorität weiblicher Beamtinnen nicht anerkennen und von Männern angesprochen werden wollen.
    In einem Krankenhaus in Gießen kommen nachts besoffene Araber aus der Flüchtlingsunterkunft in die Notaufnahme und gehen dann so auf die Krankenschwestern los, daß ein privater Security-Dientst egenagiert werden mußte, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.
    Ihre Ausführungen sind alle schön theoretisch, haben aber mit dem real existierenden Islam nicht so arg viel zu tun.
    Schöne Grüße in den Elfenbeinturm.

  2. Vielen Dank für die Reaktion, aber leider sind die genannten Beispiele nicht überprüfbar und bleiben Einzelfälle – schlechtes Benehmen von Individuen, ausgelöst durch was auch immer. Und dafür kann man nun weder “den Islam” noch die restlichen 1,5 Mrd. Angehörigen der Religion verantwortlich machen. So viel Hören-Sagen dient unserer Erfahrung nach oft dazu, Muslime generell zu verunglimpfen und Musliminnen als Opfer zu bemitleiden, daher Vorsicht vor Behauptungen die nicht belegbar sind. Viele Grüße. Ingrid Thurner

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