Längster Tag und tiefste Nacht – Wie ich die Sonnwendfeier 2013 am Cobenzl als stille Zuhörerin erlebte

Der Cobenzl ist ein vielschichtiger Ort – ein atemberaubender Blick über die Stadt und somit auch Fixpunkt in meinem Wienprogramm für Gäste, der Parkplatz und die Wiese beim Baumkreis ein Ort für Stelldicheins, die Waldwege rund ums Weingut in Sommernächten voll mit Glühwürmchen, die Bäume neben dem Oktogon einst unentbehrlich für die Radiopiraterie, denn auf ihnen konnte man Antennen montieren und Programme in die Stadt hinunter senden. Viele Bedeutungen, Erzählungen und Erinnerungen machen den Cobenzl zu einem besonderen Ort.

Am 21. Juni dieses Jahres, dem Tag der Sommersonnenwende, war ich wieder dort. Ich wollte die laue Nacht genießen und auf die Stadt hinunterschauen. Bereits beim Aussteigen aus dem Bus fielen mir in Tracht gekleidete Menschen und Burschenschafter neben einem Holzstoß und einer Stubenmusikgruppe vor dem Schloss Cobenzl auf. Ich vermutete naiv eine Hochzeit aus Kreisen schlagender Verbindungen. Doch auf dem Rückweg in der Dunkelheit hatte sich die Szenerie gespenstisch verändert: Eine Sonnwendfeier der einschlägigen Art war im Gange – der Holzstoß brannte, statt Volksliedern sangen die Anwesenden „deutschtümelnde“ Lieder und der Festredner zog über „unfreie“ Medien und „Gutmenschenfaschismus“ her. Dank Lautsprecheranlage war die Rede noch in den umliegenden Weingärten klar zu verstehen. Er prangerte die Einschränkungen durch die Zivilgesellschaft etwa in Bezug auf diskriminierende Bezeichnungen für Leute afrikanischer Herkunft und für Roma in sehr deutlichen und hier nicht wiederzugebenden Worten an. Auch die Forderung nach einer Ausladung des früheren WKR- und nun so genannten Wiener Akademikerballs aus den Räumlichkeiten der Hofburg wurde als Beleg für die feindliche Zivilgesellschaft angeführt. Der mittlerweile geringe Einfluss des „dritten Lagers“ an den Universitäten wurde mit Bedauern konstatiert und schließlich noch der Geist der vereinten Arbeiter und Studenten auf den Barrikaden der 1848er Revolution beschworen.

Hier schlug mein Erschaudern vor soviel Deutschtümelei und Rückwärtsgewandtheit in Ärger um. Wie konnte sich dieser akademische Redner erdreisten die Opfer von 1848 für die Propagierung seiner menschenfeindlichen, reaktionären Ideologie zu vereinnahmen? Der Gedanke, mir die Kleider vom Leib zu reißen und mit Lippenstift „Niemals wieder“ auf meinen Busen zu schreiben und so das Gelände zu stürmen, tauchte kurz auf. Dann aber überwog meine Traurigkeit darüber, dass es im Österreich der Gegenwart an einem so idyllischen öffentlichen Ort mit Blick auf die Hauptstadt, möglich war, nahtlos an die unheilvolle Vergangenheit anzuknüpfen. Dass solche Bekenntnisse öffentlich vor aller Augen und Ohren abgelegt werden dürfen, machte mich sprach- und aktionslos.

Einige türkische Familien gingen an der offen einsichtigen Veranstaltung mit verständnislosem Blick vorbei, vereinzelt fotografierten in Österreich urlaubende Personen – sie sahen die Veranstaltung wohl eher als Brauchtum, denn als politische Kundgebung an. Ich dachte daran, dass ich in einer Woche Besuch aus Neuseeland bekommen würde. Paul musste 1938 als 12jähriger mit seinen jüdischen Eltern Wien verlassen und in einem fremden Land ein neues Leben beginnen. Er bewahrte sich trotz aller schrecklichen Erlebnisse die positiven Kindheitserinnerungen an die Stadt seiner Geburt und war schon einige Male in Wien zu Besuch. Nun würde er mit einer seiner Töchter kommen und er wollte ihr und anderen Verwandten „sein“ Wien zeigen. Via Email übermittelte er mir seine Pläne – ganz oben stand dabei ein gemeinsamer Ausflug auf Cobenzl und Kahlenberg. Jedes Mal wenn er in Wien sei, würde er hinauffahren, schrieb er mir – vielleicht in Erinnerung an die Zeiten, als er dort unbeschwert den Glühwürmchen nachjagte, Ball spielte und auf den Wienerwaldwiesen herumkollerte? Was wäre gewesen, wenn wir gemeinsam an dieser Veranstaltung vorbeigekommen wären? Welche Gefühle hätte dies in ihm ausgelöst? Wie sehr hätte ich mich geschämt, dass ich nicht genug Mut und Phantasie besitze, um zu protestieren, um zu zeigen, dass nicht alle Menschen so denken und handeln und dass es in Österreich auch ein breites Bekenntnis zu Demokratie, Toleranz, Miteinander gibt? Was immer ich auch gesagt hätte, die Gespenster rund ums Feuer mit Tracht und Schmissen, mit polternden Worten aus dem Lautsprecher, mit dünnen Stimmen pathetische Lieder singend hätten meine Worte Lügen gestraft, hätten die laue Nacht und Pauls Aufenthalt vergiftet. Das Brecht-Zitat „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ kam mir in den Sinn und dass ich nächsten Sonntag Paul nichts von alledem erzählen würde und wir auf keinem Fall auf der Terrasse des Cafes eine Melange trinken würden.

Mag.a Margit Wolfsberger
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung
an der Universität Wien

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