Lernt Geschichte!

Der Kommentar erschien am 12. 11. 2014 in der Wiener Zeitung.

Der Islam ist nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung.

Verfolgt man die Berichterstattung der letzten Jahre zum Thema Islam und Terrorismus, so stellt man ein bestimmtes Muster fest: Die einen, eher rechts Gerichteten, erklären, der Islam begünstige Gewalt und Terror, und sie begründen das mit Zitaten aus dem Koran und Hadithen. Die Anderen widersprechen, behaupten, der Islam sei eine Religion des Friedens und sei perfekt mit Demokratie vereinbar, wenn der menschliche und der politische Wille gegeben seien. Auch dieser Standpunkt wird mit Textstellen aus den heiligen Schriften untermauert, ihn vertritt die Teilnehmende Medienbeobachtung in vielen Kommentaren.

Zur Verwirrung trägt bei, dass Muslime und Musliminnen, so sie sich öffentlich äußern, ebenfalls diesen zwei Fraktionen zuzuordnen sind, Gläubige ebenso wie Abgefallene, Konvertierte, Imame, Geistliche, Islamverbände, desgleichen Professionelle aus Islam-Wissenschaft, Arabistik, Politologie, Kultur- und Sozialanthropologie, außerdem Bischöfe, Päpste, Staatsoberhäupter. Es scheint so, als ob kaum jemand keine Meinung zum Thema habe.

Die zwei Gruppen beäugen einander unversöhnlich, dazwischen stehen Medien. Abgesehen von gewissen Boulevardblättern, die im Bund mit rechtslastigen Parteien das Gewaltpotential des Islam regelmäßig hervorkehren, beschreiten jene, die sich zur politischen Unabhängigkeit bekennen, anscheinend einen Weg der Mitte, indem sie beiden Lagern immer wieder eine Plattform bieten, so auch der Teilnehmenden Medienbeobachtung, wir bedanken uns dafür.

Was also nun? – mögen sich interessierte Laien genervt fragen – begünstigt der Islam Gewalt oder bekämpft er sie?

Aus der Debatte kann man nur einen Schluss ziehen: beides. Den heiligen Schriften wird entnommen, was gerade die Argumentation zu unterstützen vermag. Zwar würden Theologie und Islam-Wissenschaft heftig widersprechen und willkürliche Deutungen ablehnen, die bloß dem anstehenden Gutdünken dienen. Dennoch wird genau das getan: Für jede vorgefasste Ansicht findet sich ein Beleg, wenn man nur lange genug sucht.

Stattdessen könnte man einmal andere Ursachen für die Gewalt suchen, die in islamischen Ländern und/oder im Namen Allahs begangen wird. Es bieten sich an: die Geschichte, die politischen Machtinteressen, die Gier nach Ressourcen.

In Kurzfassung: Der Nahe Osten war Teil des Osmanischen Reiches, bevor er nach dessen Zerschlagung nach dem Ersten Weltkrieg von den damaligen Weltmächten England und Frankreich in ihre Einflusssphären aufgeteilt wurde (Sykes-Picot-Abkommen 1916, Balfour-Deklaration 1917). Politisch geht es darum, wer in Hinkunft in der Region die Vorherrschaft ausübe: Saudi-Arabien, die Türkei oder der Iran. Weiters speisen die dort vorhandenen Bodenschätze die Gier nach Ressourcen.

Mit Religion hat all das nichts zu tun. Aber wenn alle Interessensgruppen den Islam dazu benutzen, die jeweilige Position zu festigen und ihr gleichsam eine religiöse Legitimierung zu verschaffen, können auch die demokratischen, gemäßigten, säkularen und laizistischen Kräfte im Koran die Basis für ihr Tun finden.

Ingrid Thurner

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