Leserbrief zum Kommentar der Anderen „Religionskritik als Rassismus?“

Der Kommentar erschien am 26.4.2019 im Standard

Schon seit den 1980er-Jahren wird über Neo-Rassismus, Rassismus ohne Rassen und kulturellen Rassismus diskutiert – als einer Form des Rassismus, der ohne „Rassen“ auskommt, die ja (und wenigstens das ist mittlerweile recht unbestritten), auch eine Konstruktion sind. Abseits der als einheitlich konstruierten biologischen Merkmale können auch kulturelle oder religiöse Symbole genutzt werden, um „die Anderen“ zu konstruieren: Die Juden, die Muslime oder die Flüchtlinge, beispielsweise. Darüber, dass das Konzept eines kulturellen Rassismus möglicherweise zu schwammig ist, um ausgrenzende Ideologien wie Antisemitismus oder Anti-Muslimismus zu erfassen, wird in der Fachwelt durchaus diskutiert. Dennoch scheint es einigermaßen absurd, im Jahr 2019 einem Universitäts- und einem Fachhochschulprofessor erklären zu müssen, wieso Rassismus doch etwas mit Religion zu tun haben kann und ihr rein biologistischer Rassismus-Begriff lang überholt ist.

Momentan haben aber eben solche Meinungen Hochkonjunktur, die sich in Richtung des sehr rechts geneigten Diskurses flexibel biegen. Sie bringen ja auch vielen LeserInnen Erleichterung – wenn nämlich das eigene Bauchgefühl, die eigenen Vorurteile gerechtfertigt werden.

So seufzt innerlich erleichtert auf, wer liest, dass das Unwohlsein, das ihn angesichts einer Kopftuchträgerin in der Straßenbahn beschleicht, berechtigt ist und er das leise anklopfende schlechte Gewissen somit guten Gewissens ignorieren kann. Ja, wenn die Frau auch „in politischer Absicht Symbole im öffentlichen Raum nutzt, vor sich her oder auf sich trägt, die eine diskriminierende Ungleichbehandlung, Entwürdigung oder Instrumentalisierung von Personen oder sozialen Gruppen gutheißen“, dann bitte, darf mich das wohl stören, vor allem, wenn diese „misogyne, rassistische oder antidemokratische Symbole und Praktiken“ repräsentieren. Das bedeutet, dass jede, die sich öffentlich sichtbar mittels Kopftuch zum Islam bekennt, alle Gräueltaten gutheißt, die im Namen des Islam weltweit begangen werden.

Auf derlei Unsinn ist schwer zu antworten. Man könnte den Vergleich heranziehen, dass jeder, der irgendwo an sich sichtbar ein Kreuz trägt, die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche rechtfertigen muss. Das wäre dann wohl die „berechtigte Kritik“, die „ausgehalten“ werden muss. Ob ein Vorschlag a la „Schleich di ham in Vatikan!“ dann wohl auch noch als Kritik zählte? Nein, das wäre dann wohl ein bedauerlicher Einzelfall, für den keiner etwas kann.

Es werden aber nicht nur diskriminierende Praxen legitimiert und Dinge einfach behauptet („im Namen einer Religion“, da wird wohl der Islam gemeint sein, „wurden 900 Millionen Menschen massakriert“), es werden auch diejenigen delegitimiert, die solche Diskriminierungen nicht einfach hinnehmen wollen, sondern anprangern, sammeln, diese aufzeigen. Diese werden dann als selbsternannte, subjektive, islamistische (!) Denunzierer verunglimpft, auf deren hochpolitisches Gejammer die linken Medien aufspringen.

Gerade solche Aussagen zeigen, wie weit die Islamfeindlichkeit in Österreich schon gediehen ist, steht doch dieser Artikel in genau solch einer Tradition, denn Religionskritik ist nicht Rassismus oder Anti-Muslimismus, aber wenn jeder und jedem Gläubigen bestimmte (negative) Eigenschaften zugeschrieben werden, dann ist das (kultureller) Rassismus, und wenn das Herumreiten auf der genauen Bezeichnung dieses Phänomens damit einhergeht, den Betroffenen ihre Diskriminierungserfahrungen abzusprechen, ist dies umso eindeutiger.

Mag.a Margarete Gibba

Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung an der Universität Wien

univie.ac.at/tmb

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail wird nicht veröffentlicht.

(erforderlich)
(erforderlich)