Moralische Überheblichkeit gegenüber dem Islam

Es ist prinzipiell erfreulich, dass der Standard seine Seite „Kommentar der anderen“ der breitesten Öffentlichkeit als Plattform zur Verfügung stellt, auf der jedermann und jedefrau Meinungen äußern darf. Leider sind sie halt manchmal wenig fundiert.

Am 12. 9. 2015 erschien dort ein Text („Der Krieg im Nahen Osten hat erst begonnen“), den der – vorsichtig ausgedrückt – rechtslastige Blog „Achse des Guten“ verbreitet hatte. Dieser Blog wiederum ist ebenso wie sein Betreiber Henryk M. Broder in einschlägigen Kreisen wohlbekannt. Aus islam-, politik- und medienwissenschaftlicher Perspektive (etwa von Thorsten Gerald Schneiders, Farid Hafez, Sabine Schiffer) werden ihm Islamfeindlichkeit attestiert.

Da schreibt also ein Herr Eugen Sorg, Psychotherapeut und Textchef der Basler Zeitung im „Kommentar der anderen“, dass man aus der übrigen islamischen Welt keine Proteste gegen die Zerstörungen des IS in Palmyra höre. Dies ist unrichtig, wie man in den Zeitungen muslimischer Länder nachlesen könnte – von vielen davon gibt es englischsprachige Ausgaben. Allerorts verurteilen Politiker, Theologen, Geistliche und Intellektuelle, ebenso wie der Mann und die Frau auf der Straße, die Aktivitäten des IS. Solche Stellungnahmen finden sich zuhauf auch auf den Webseiten europäischer Islamverbände.

Weiters werden die Zerstörungen in Mali, Afghanistan und Nigeria durch Terroristen, die ihr verbrecherisches Tun unter Berufung auf muslimische Texte legitimieren, der „moralischen Überheblichkeit“ der Religion angelastet. Alle Manifestationen aus vorislamischer Zeit seien für die Angehörigen des Islam „ohne Wert“ und „unwahr, ob Kunst, Literatur, Architektur oder Philosophie“.

Dies ist unrichtig. Vor ihrer Zerstörung durch Terrorbanden, die sich auf den Islam berufen, wurden diese Kultstätten jahrzehntelang von Menschen bewahrt, die sich ebenso auf den Islam berufen. Regierungen und Behörden in vielen Ländern kümmerten und kümmern sich oft unter schwierigen Bedingungen um die Konservierung und Erforschung ihrer archäologischen Zeugnisse aus vorislamischer Zeit, beispielsweise im Iran, Iraq, in Syrien, Jordanien, Libanon, Türkei, Ägypten, Libyen, Tunesien, Algerien, Marokko.

Dabei sind diese Orte keineswegs nur Sehenswürdigkeiten, mit denen man durch Tourismus Devisen ins Land bringt. Vielmehr werden sie im Rahmen der Vergangenheitspolitik als Teil der (vorislamischen) Geschichte verstanden. All diese berühmten Namen, die sich Europa als Teil seiner ureigensten Geschichte eingemeindet hat, wie Persepolis, Palmyra, Petra, Baalbek, Luxor, Leptis Magna, Karthago, sind auch für die Bevölkerungen der Länder, in denen sie liegen, ein Anziehungspunkt, sind Stätten der nationalen Identität. An all diesen Orten sieht man (oder sah man in friedlichen Zeiten) Schulklassen, Familien, Jugendgruppen und Liebespaare, die in Sonntagsausflügen, Wochenendtrips und Kurzurlauben staunend vor den baulichen Zeugnissen der Altvorderen stehen und Selfies vor historischem Hintergrund im Netz verschicken.

Dass sich die „imperiale Ausbreitung des Islam nicht dem frommen Gebet, sondern in erster Linie dem Schwert“ verdankt, gilt auch für das Christentum, da könnte der abendländische Hobby-Historiker auch vor der eigenen Türe kehren. Nur weil vor Jahrhunderten Kriege geführt wurden, bedeutet das nicht, dass bis in alle Ewigkeit Kriege geführt werden müssen, in keinem Teil der Welt. Die Religion ist dabei sekundär, weil sie sowieso nur ein Vorwand für imperiale Machtgelüste ist, damals wie heute.

Besagte „moralische Überheblichkeit“ sei auch „eine der Voraussetzungen für das trostlose intellektuelle Leben in der araboislamischen Sphäre“. Was weiß der Autor vom intellektuellen Leben in Beirut, Kairo oder Rabat? Mit diesem Satz überführt er sich genau jener moralischen Überheblichkeit, die er dem Islam anlastet.

Ingrid Thurner

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