Only bad news are good news?

Sehr geehrter Herr Kim Son Hoang, sehr geehrte Standard-Redaktion,

„Flüchtlinge: 90 Prozent halten Demokratie für die ideale Staatsform“ oder „Flüchtlinge: 82 Prozent sind für die Gleichberechtigung von Mann und Frau“ oder „Flüchtlinge: 83 Prozent bewerten Zusammenleben mit anderen Religionen als durchwegs positiv“: Warum positiv, wenn’s negativ auch geht?, das haben Sie sich wohl gedacht und in der Überschrift zu Ihrem Artikel über die Integrationskonferenz „Vienna Future Talks“ lieber einen provokanten Aspekt betont: 40 Prozent stellen laut Studie religiöse Gebote über Gesetze. Natürlich soll im Artikel auch auf dieses Ergebnis eingegangen werden, es im Titel zu verwenden liefert jedoch all jenen, die Vorurteile gegenüber Geflüchteten haben, auf den ersten Blick Bestätigung für ihre Überzeugungen. Gleichzeitig sollte auch die Frage gestellt werden, wie viele Angehörige anderer Religionen in Österreich – österreichische KatholikInnen beispielsweise – ihre religiösen Gebote über die Gesetze stellen (wobei hier wie dort gilt, dass sich alle BewohnerInnen eines Landes an seine Gesetze zu halten haben) beziehungsweise wie sie zu den abgefragten Themenbereichen stehen.

Die Ergebnisse dieser Studie sind interessant, weil sie a) einen Einblick in die Werthaltungen der Geflüchteten geben und b) den Geflüchteten ein überwältigendes Bekenntnis zur Demokratie als idealer Staatsform attestieren – während in mehreren Beiträgen der Standard-Schwerpunktausgabe „Demokratie unter Druck“ vom vergangenen Wochenende über die Demokratieskepsis der ÖsterreicherInnen („79 Prozent loben Demokratie, wie sie in Verfassung steht“) und die zunehmende Sehnsucht nach einem starken Mann berichtet wurde: 39 Prozent stimmen der Aussage: „Man sollte einen starken Führer haben, der sich nicht um Parlament und Wahlen kümmern muss“, zu – und bei den Lehrlingen ist die Zustimmung noch größer. In Bezug auf Toleranz gegenüber anderen Religionen stellt eine Studie des Meinungsforschungsinstituts meinungsraum.at den ÖsterreicherInnen ein eher schlechtes Zeugnis aus.

Vor dem Hintergrund dieser Vergleiche und wenn es darum geht, Vorurteile nicht zu bestärken, sondern zu bekämpfen, wäre eines der eingangs angeführten Studienergebnisse meiner Ansicht nach besser als Titel geeignet – und würde der Studie wohl eher gerecht werden.

Beste Grüße,

Susanne Oberpeilsteiner, Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung

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