Out of the Jungle hinein ins Sommerloch?

Sehr geehrte Standard-Wissenschaftsredaktion!

Ihr Artikel Isolierter Ureinwohner-Stamm suchte erstmals Kontakt zur Zivilisation vom 9. Juli 2014 im Standard online erscheint als äußerst exotisierender und nicht auf dem Stand der Wissenschaft basierender Bericht, der in einem Qualitätsmedium so nichts verloren hat. Die ursprüngliche Artikelüberschrift „Isolierter-Eingeborenen-Stamm-suchte-erstmals-Kontakt-zur-Zivilisation“, in der Linkadresse noch zu lesen, zeigt die eurozentristische Sichtweise dahinter sehr gut auf.

Die Bezeichnung „Eingeborene“ ist im deutschen Sprachgebrauch schon längst als diskriminierend verworfen worden. Damit wurden immer nur Menschen in Ländern des Südens bezeichnet, nie aber z.B. die ursprüngliche Bevölkerung Europas oder anderer westlicher Länder. Das Wort macht aber ohnedies keinen Sinn, denn es suggeriert eine Abfolge an menschlichen Generationen an einem Ort/in einer Region ohne Einflüsse von außen, was nirgends der Fall ist. Menschliche Gemeinschaften sind im Austausch miteinander entstanden und können auch nur so überleben – sei es in genetischer, kultureller oder sozialer Hinsicht.

Es ist ebenso falsch jede menschliche Gruppierung, deren konkrete soziale Organisationsform man gar nicht kennt, als „Stamm“ zu bezeichnen. Vor allem weil dies ebenfalls in eurozentristischer Manier immer für jene Menschen verwendet wird, die in nicht-westlichen Ländern leben und eine Stammesorganisation nur eine Form der möglichen sozialen Organisation darstellt.

Die Frage, was als „Zivilisation“ bezeichnet wird und wer die „Unzivilisierten“ sind, ist ein eigenes Kapitel und bedürfte einer grundlegenden Änderung des eurozentristischen, linearen und evolutionistischen Denkens und Bewertens von menschlichen Kulturen.

Besonders ärgerlich ist aber die gesamte Tendenz des Artikels, hier die „Ankunft“ einer Gruppe von Menschen, die fast wie Aliens gesehen werden, als irrationale Handlung und überraschend erfolgtes Ereignis darzustellen.

Bereits im verlinkten Bericht von Survival International wird als mögliche Ursache das Vorrücken von illegalen Holzschlägereien genannt. Dass diese eine Verdrängung von Menschen sowie eine unzumutbare Änderung der Lebensbedingungen zu Folge haben kann, wird hier deutlich.

Wenn die Wissenschaftsredaktion des Standards sich schon dieses wichtigen Themas der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen und den Folgen für die lokale Bevölkerung in Brasilien annimmt, dann sollte dies doch mit etwas mehr Recherche und Hintergrundinformationen erfolgen. Die Regierung in Brasilien, die nun voller Sorge das Überleben von 30 Menschen, wie im Artikel berichtet mit anthropologischen, medizinischen und linguistischen ExpertInnen sichern will, scheut sich andererseits nicht Großprojekte umzusetzen, die gerade diese Bevölkerungsbewegungen in Gang setzen.

Irrational ist also nicht das Auftauchen einer Gruppe von Menschen, die auf die Veränderung ihres Siedlungsgebietes reagiert, sondern die Handlungen der Verantwortlichen, die diese Prozesse im großen Stil in Gang setzen und nun die Folgen im Kleinen minimieren möchten. Es wäre wünschenswert, wenn der Exotismus auch in Zeiten von Sommerloch und allgemeinem Urlaubshunger hier in der Berichterstattung beiseite bliebe und die klaren Tatsachen und Machtverhältnisse dargestellt werden würden.

Mit freundlichen Grüßen
Mag.a Margit Wolfsberger
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung an der Universität Wien

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