Radikalisierung und Medien

Diesen Sommer ist die Debatte über den Einfluss von Medien auf Nachahmungstaten wieder hochgekocht (gesammelte Verlinkungen sind hier nachzulesen). Berichterstattungen über Terrorangriffe und Amokläufe sollen weniger Details über Täter veröffentlichen. Jemand könnte sich mit ihnen identifizieren. Dafür soll mehr auf die Opfer eingegangen werden.

Auch wenn viele Journalistinnen und Journalisten der Meinung sind, objektiv oder zumindest intersubjektiv zu berichten, haben manche Artikel einen fremdenfeindlichen Tenor. Dies ist besonders augenscheinlich, wenn immer wieder von Radikalisierung oder Zwangsheiraten in vorrangig muslimischen Kontexten gesprochen wird. Implizit werden dabei alle Personen muslimischen Glaubens in Sippenhaft genommen, und so kann auch ein wohlmeinender Text eine islamfeindliche Konnotation erhalten.

Ein Beispiel dafür ist der Artikel „Angst führt zu Radikalisierung“ aus der Wiener Zeitung vom 16.08.2016. Darin wird unter anderem betont, dass Medien in Bezug auf extreme und extremistische Meinungen eine Schlüsselrolle spielen. Sie sind es, die einerseits radikale Gruppen pauschalisieren und andererseits Einzelfälle stilisieren. Gleichzeitig wird aber auch in diesem Artikel Radikalisierung durch die gewählten Beispiele stark mit dem Islam verbunden: Es geht nur um muslimische Jugendliche, Rechtsradikale werden beispielsweise nicht angesprochen.

Dieser – sonst sehr lesenswerte Artikel – stellt dabei jedoch nur die Spitze des Eisbergs dar; insbesondere in den Boulevardmedien findet man viel drastischere Beispiele für eine solche Überbetonung und Homogenisierung. Dadurch wird der vorhandene Unmut in Teilen der Bevölkerung weiter geschürt, der herbeigeschriebene Graben zwischen rechts und links geht weiter auf und die Angst erlebt Hochkonjunktur. In diesem Klima laufen rationale Argumentationen ins Leere und auf allen Seiten verstärken sich extreme Meinungen, wie dies beispielsweise Judith Belfkih in der Wiener Zeitung schon Ende Juli analysierte http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/mehr_kultur/833324_Schattengewaechse-des-Terrors.html

Zur Sicherung des friedlichen Zusammenlebens sollte – statt immer nur auf die hohe Auflage zu schielen – eine ausgeglichene Berichterstattung angestrebt werden. Positive Meldungen können das begünstigen, denn wo Personen besonders negativ herausstechen, gibt es auch welche, die besonders positiv auffallen. Gut integrierte, gebildete, demokratisch denkende Muslime beispielsweise kommen in der Medienberichterstattung kaum bis gar nicht vor, hingegen beherrschen Schreckensmeldungen über den verfassungskritischen, Erdoğan-hörigen und frauendiskriminierenden Muslim-Macho die Gazetten.

Außerdem gibt es das Phänomen der Radikalisierung auch in anderem Zusammenhang – von rechtsextremen Kriminellen und Amokläufern bis zum schlagenden rechten Flügel der Burschenschaften. Nimmt man diese Bereiche in die Berichterstattung auf, ergibt sich ein vollständigeres Bild, welches die unterschiedlichen Arten der Radikalisierung aufzeigt. Dadurch kann besser argumentiert werden, dass es auf allen politischen Seiten genug Irrläufer gibt, die keineswegs die Meinung der Mehrheit wiedergeben. Dies ist besonders wichtig für ein friedliches Zusammenleben im Lande, denn mehr noch als Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft prägen Medien die aktuelle Stimmungslage.

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