Reflex Islamismus – auch in österreichischen Redaktionen

Dem derStandard.at-Kommentar „Der Moslem war’s“ vom 23.7.2011 ist kaum etwas hinzuzufügen: Hört die österreichische (und westliche) Mediengesellschaft Terror, so denkt sie anscheinend mittlerweile reflexartig Islamismus. Dass dies falsch ist, hat Michael Vosatka in seinem Kommentar dargelegt. Und dass solch ein Meinungsklima genau dasjenige ist, in dem ein Massenmörder sein Weltbild pflegen kann, wird nun in der – durchwegs hervorragenden – Berichterstattung aus Oslo mehr als klar (beispielsweise im Interview von Saskia Jungnikl mit Hajo Funke oder im Artikel „Wir haben in das Auge des Bösen geblickt“ von Christoph Prantner)

Allerdings hat keineswegs nur die Online-Ausgabe „Österreich“ am Freitag klar islamistische TerroristInnen als Schuldige benannt: Wenn auch nicht in der Titelzeile, so hat doch fast jede Samstags-Zeitung in ihren Artikeln den Verdacht in Richtung Islam gelenkt. Darunter auch „Der Standard“ (was ja Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid bereits in einem Kommentar selbstkritisch anmerkte): Zum einen mit der Überschrift „Diese Bilder erinnern an den 11. September“, zum anderen mit der ausführlichen Würdigung der Islamterror-Theorie des „Terrorexperten“ Claude Moniquet.

Natürlich, dass eine Theorie falsch ist, weiß man im Nachhinein immer besser als unter dem Druck des Redaktionsschlusses vor dem Wochenende – da hat es die Online-Ausgabe leichter, abzuwarten. Andererseits gibt es gerade für Online-Medien den Druck, „Klicks“ zu generieren, um Sommerlöcher zu füllen. Erfreulich, dass das bei derStandard.at nicht passiert ist. Es bleibt zu wünschen, dass in Zukunft die journalistische Sorgfalt sowohl in Print- als auch in Online-Medien über Stereotypen siegt. Damit würde die Ankündigung von Premier Stoltenberg in seiner Traueransprache über Norwegen hinaus weisen: Mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Humanität wären nötig. Und, könnte man hinzufügen, das Hinterfragen gewohnter Denkkategorien – auch in österreichischen Redaktionen.

Heidi Weinhäupl, Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung, Universität Wien
Veröffentlicht am 25.11.2011 auf derStandard.at

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