Reisen nach „Afrika südlich der Sahara“

30.9.2011

Sehr geehrte Radioredaktion, sehr geehrter Herr Agathakis!

 

Nach der Sommerpause der regulären „Radio Wien“-Reisesendung „Auf und Davon“ wurde die erste Folge zum Reiseziel Kenia ausgestrahlt, in der – zumindest in der Eingangsphase – der Begriff „Schwarzafrika“ für die Lokalisierung Kenias in Afrika verwendet wurde. Der Begriff „Schwarzafrika“ ist ein kolonialistischer und basiert auf einem rassistischen Konzept der Einteilung der Welt und ihrer BewohnerInnen, da er die angebliche Gemeinsamkeit auf die (vereinheitlichend „Schwarz“ angenommene) Hautfarbe seiner BewohnerInnen bezieht.

Auch wenn die heute verwendete Bezeichnung „Afrika südlich der Sahara“ ebenso nur ein Hilfskonstrukt ist, um eine so reiche, vielfältige und auch große Weltregion zusammenzufassen, ist sie zumindest neutraler gegenüber der Bewertung der Kulturen Afrikas, die eben in die „weißeren“ Hochkulturen im Norden und das „wilde“, „primitive“ dunkle Afrika geteilt wurden und inkludiert auch Südafrika mit seiner multikulturellen Gesellschaft.

 

Es wäre wünschenswert, wenn eine so beliebte Reisesendung mit großer HörerInnenzahl wie „Auf und Davon“ den Bildungsauftrag des ORFs auch im Bereich der touristischen Berichterstattung wahrnimmt und die HörerInnen mit neueren Erkenntnissen konfrontiert. Auch dies könnte ein Weg „abseits der Touristenpfade“ und ihrer gängigen Klischees sein.

 

Alles Gute für Ihre weitere Arbeit – mit freundlichen Grüßen

Mag.a Margit Wolfsberger

Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung – Institut für Kultur- und

Sozialanthropologie der Universität Wien

 

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2.10.2011

Sehr geehrte Fr. Mag. Wolfsberger!

 

Vielen Dank für Ihr Schreiben und Ihre Gedanken. Für mich war bis heute Schwarzafrika immer jener Teil Afrikas, wo Menschen ihre Heimat haben, die der schwarzen Hautfarbe zuzuordnen sind. Deswegen war das für mich immer Schwarzafrika, und ich dachte auch der Ausdruck ‚Schwarz‘ in Bezug auf Rassen wäre ’salonfähig‘. Aber man lernt ja bekanntlich nie aus.

 

Was würde Sie als richtige Formulierung für diesen Teil des Kontinents sehen? „Afrika – südlich der Sahara“ halte ich für die Radiosprache etwas zu umständlich, zumal die Sahara beim oberflächlichen Hinhören immer in Verbindung mit Wüstenbewohnern respektive Beduinen gebracht wird.

 

Über einen Vorschlag zur optimierten Formulierung dieser Region wäre ich Ihnen im Hinblick auf meine nächste journalistischen Tätigkeiten sehr dankbar.

 

Vielen Dank jedenfalls fürs genaue Zuhören, allein das tut einem als „Radiomacher“ sehr gut.

 

Mit freundlichen Grüßen

Peter Agathakis

Radio Wien – Auf und Davon

 

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5.10.2011

Sehr geehrter Herr Agathakis,

 

Vielen Dank für Ihre Antwort und Ihr Interesse – wir freuen uns, wenn jemand unser Kritik als konstruktiven Beitrag sieht – so ist sie auch gemeint.

 

Bezüglich Ihrer Frage erlauben Sie uns zunächst kurz auszuholen: es ist nicht salonfähig und auch nicht sinnvoll, von Rassen zu sprechen, da das Erscheinungsbild nichts mit Kultur oder Eigenschaften zu tun hat. „Rasse“ ist kein biologisches, sondern ein soziales Konstrukt, der Begriff ist aus molekulargenetischer Sicht obsolet. Simpel ausgedrückt: ein Rassebegriff, der sich auf morphologische Merkmale wie Hautfarbe, Form von Haaren oder Lippen, Abstände zwischen Nasen und Ohrläppchen und ähnlich abstruse Besonderheiten stützt, gilt alleine schon als rassistisch, da er im Allgemeinen dazu benutzt wurde und wird, bestimmte Gruppen abzuwerten und/oder zu benachteiligen. Die morphologischen Merkmale von Menschen sind nur einige wenige, die genetischen hingegen 1000e. Die genetischen Gemeinsamkeiten (DNA) zwischen einzelnen Angehörigen Europas und einzelnen Angehörigen Afrikas oder Chinas sind nicht nicht selten weit größer als die Gemeinsamkeiten zwischen zwei afrikanischen und zwei europäischen Individuen.

 

Demzufolge wird auch der Begriff Schwarzafrika in Afrika zu Recht abgelehnt. Besser sind die geografischen Begriffe Afrika südlich der Sahara, das subsaharische Afrika, das tropische Afrika, Ostafrika, Westafrika etc., Zentralafrika, südliches Afrika, je nach Kontext. In diesem Sinne sind auch Begriffe wie der dunkle Kontinent und Ähnliches als stereotype, essentialistische Zuschreibungen abzulehnen.

 

Afrika beinhaltet geografisch keineswegs nur das Wüstengebiet der Sahara (etwa 1/3 des Kontinents ist Wüste), da gibt es auch noch die mediterranen Küstenregionen, die Gebirgsregionen (Atlas, Kilimandscharo, Ruwenzori etc.), die tropischen Gebiete beidseits des Äquators, die gemäßigten Zonen im südlichen Afrika, grob gesprochen.

 

Nebenbei: auch der Begriff Beduinen ist in Afrika wenig gebräuchlich, eher im Nahen Osten. Es ist auch keine Eigen- sondern eine Fremdbezeichnung, er leitet sich ab von arab. badawi, Wüstenbewohner, in den Sahara-Randgebieten leben aber nicht so viele AraberInnen.

 

Ich hoffe, diese Erläuterungen helfen Ihnen bei der Gestaltung zukünftiger Sendungen,

beste Grüße

Margit Wolfsberger

Initiative Teilnehmende Beobachtung – Universität Wien

 

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