Schuldige für „Mitleidsermüdung“?

Ein Rundumschlag gegen korrupte Eliten in aller Welt.

LeserInnenbrief  als Reaktion auf den Kommentar Drittwelt-Eliten und „Mitleidsermüdung“ von Hans Rauscher. Erschienen im Online-Standard am 17.08.2010.

Sehr geehrte Standard-Redaktion, sehr geehrter Herr Rauscher,

In Ihrem Kommentar „Drittwelt-Eliten und Mitleidsermüdung“ vom 17.08.2010 stellen Sie eingangs die Frage, warum für die Opfer der Flutkatastrophe in Pakistan so wenig gespendet wird. Die Antwort suchen Sie in schlecht funktionierenden staatlichen Strukturen, in der Dominanz des Islam und im Besitz von Atombomben. Warum ein bestimmtes religiöses Bekenntnis mit in die Verantwortung gezogen wird, lässt sich für mich nur auf die bereits länger bestehende mediale Hetze gegen den Islam zurückführen und lässt mich erschreckend feststellen, wie selbstverständlich es anscheinend geworden ist, den Islam als Sündenbock hinzustellen.

Des Weiteren nutzen Sie die Probleme, die Sie Pakistan zuschreiben, als Anlass zu einem Rundumschlag gegen korrupte Eliten in fast allen Teilen der Dritten Welt und „sogar in Teilen Europas“. Das Wort „sogar“ impliziert dabei eine Höherstellung Europas und damit einhergehend eine Abwertung der restlichen Welt. Der Beisatz über den gefährdeten Bürgersinn durch die bevorstehende EU-Erweiterung unterstreicht abermals die vermeintliche Überlegenheit der Festung Europa und ist als reine Panikmache zu werten. Weiters fragt man sich, warum bei der Thematisierung korrupter Eliten in aller Welt gerade die österreichischen ausgeklammert werden.

Doch ist es nicht eigentlich genau diese Art von einseitiger Medienberichterstattung, die in den Köpfen der Bevölkerung ein negatives Bild bestimmter Länder zeichnet und dadurch die Spendenbereitschaft reduziert? Positive Realitäten, wie touristische Sehenswürdigkeiten, die Artenvielfalt, die Naturlandschaft oder das tägliche Leben der Bevölkerung erfahren nicht annähernd dieselbe mediale Präsenz, wie Korruption, Waffen und Militär.  Durch diese Art der Repräsentation entwickeln wir eine einseitige, negative Vorstellung des Landes.

Anstelle einer erneuten Festschreibung von Stereotypen wäre eine differenzierte Berichterstattung wünschenswert, um bestehende Muster aufzubrechen und um die österreichische Gesellschaft über ein Pakistan zu informieren, das nicht nur aus Gewalt, Leid und Elend besteht.

Abschließend sei gesagt, dass bei Katastrophen vorrangig Menschen Hilfe brauchen, ob diese Muslime sind oder einer Bevölkerungsgruppe Pakistans angehören, ist dabei nicht relevant.

Mit freundlichen Grüßen

Mag. Susanna Reiskopf

Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung (www.univie.ac.at/tmb)

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