Seit Köln

Seit Köln ist alles möglich. Sogar dass, wie Stefan Niggemeier letzte Woche in Über Medien berichtete, der Deutsche Presserat darüber diskutiert, ob die Zugehörigkeiten von Verdächtigen und TäterInnen zu Minderheiten auch ohne begründbaren Sachbezug genannt werden soll. Ergebnis der Diskussion: Nein, der entsprechende Passus im deutschen Pressekodex bleibt erhalten.

„Richtlinie 12.1 – Berichterstattung über Straftaten
In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.
Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

Im Ehrenkodex für die österreichische Presse findet sich so eine Empfehlung erst gar nicht. Hierzulande verzichten auch nur wenige Medien auf die Nennung der Herkunft, und gerade im Boulevard finden sich derzeit ungustiöse Beispiele dafür, wie implizit und gar nicht so implizit Zusammenhänge zwischen Herkunft und Täterschaft gezogen werden.

Ein Beispiel von vielen: Die als „Tagesthema“ übertitelte Seite 12 der Tageszeitung Österreich vom 9. März: Links die „Praterstern-Bande: Bis zu 25 Coups – Touristen und Betrunkene im Visier von Asylwerbern“, darunter der Artikel „War Amokfahrt Terror-Akt? Ermittlungen in der Grazer Islam-Szene“ (voller Spekulationen dazu, ob die Amokfahrt von Alen R. nicht doch ein Attentat des IS war). Rechts: „Sex-Attacke in Hallenbad – Grapscher verfolgte Mutter“ – der „Oldie-Unhold“ sieht „südländisch“ aus –, darunter der Verweis auf den bereits ausführlich berichteten Fall der Vergewaltigung eines Zehnjährigen durch einen irakischen Flüchtling.

Fest steht: Wenn die Herkunft von TäterInnen in Medien genannt wird, so erzeugt das ein bestimmtes Bild von dieser Gruppe. Zwar folgen meistens die Medien der Logik der Politik, doch gerade Köln ist ein Beispiel dafür, wie die Medien selbst (mit Verzögerung, aber dann umso stärker) eine Debatte anfeuern und damit auch die Politik beeinflussen (siehe beispielsweise die Analyse von Fabian Köhler: Die Nacht, in der für Flüchtlinge eine neue Zeit begann ). Medien haben Macht, und sie können Vorurteile verstärken,

Die allermeisten sexuellen Übergriffe werden von Österreichern begangen – doch darüber wurde und wird nicht berichtet. Findet jedoch ein Übergriff durch „Fremde“ statt, so erfährt dies momentan eine beachtliche Medienöffentlichkeit. Das Gute daran ist, dass derzeit wirklich eine ernsthafte Debatte über sexuelle Übergriffe stattfindet und ein breiter Konsens darüber herrscht, dass keine Form der sexuellen Belästigung akzeptabel ist (und das war bei der letzten Diskussion keineswegs so, wie auch Elisabeth Holzleithner im Standard richtig kritisiert). Die Gewinnerinnen dieser Debatte sind also alle Frauen.

Doch gleichzeitig werden männliche Asylwerber und Migranten aus dem arabischen Raum pauschal als Täter konstruiert und dadurch diskriminiert. Demgegenüber bräuchte es eine faire und überlegte Berichterstattung, die von Fall zu Fall abwiegt, ob die Herkunft oder der Aufenthaltsstatus einer Person für das Verständnis der Tat von Bedeutung ist.

So unwahrscheinlich es politisch auch ist, doch was wir eigentlich bräuchten, wäre die Aufnahme einer dem deutschen Pressekodex vergleichbaren Passage in den österreichischen Ehrenkodex. Zudem braucht es eine aktive Beschäftigung des Presserates, der ChefInnen-Etagen in den Medien sowie der JournalistInnen mit diesem Thema, Diskussionen mit der Wissenschaft, Weiterbildungen und runde Tische. Denn: In einem aufgeheizten gesellschaftlichen Klima über Minderheiten fair und ausgewogen zu berichten, ist alles andere als trivial. Nur allzu rasch wird im Zeitalter der Social Media und des politischen Populismus der Vorwurf der Verschleierung und Parteilichkeit erhoben, im Handumdrehen sind JournalistInnen als Angehörige der „Lügenpresse“ abgestempelt und verlieren auch bei wohlgesinnten LeserInnen an Glaubwürdigkeit. Hier gilt es, gemeinsam mit der Wissenschaft Richtlinien und Strategien zu erarbeiten für eine faire, diskriminierungsfreie Berichterstattung, die trotzdem Probleme, Ängste und Vorurteile thematisiert. Wie gesagt: nichts Triviales, aber dafür umso wichtiger für die Zukunft unserer Gesellschaft.

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