Sind die Wiener Bäder fremdenfeindlich?

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Befremden registrieren wir die diskriminierenden und ausgrenzenden Beschreibungen des Publikums einiger städtischer Bäder im Online-Medium Wien-konkret (http://www.wien-konkret.at/sport/schwimmbad/ – Abfrage 1. 12. 2011):

Amalienbad
Publikum: es gibt (auch) Österreicher hier
Floridsdorferbad
Publikum: Jugendliche, Familien, Inländer zu Ausländer ca Halbe : Halbe
Hütteldorferbad
Publikum im Winter: hauptsächlich Inländer
Jörgerbad
Publikum: es gibt auch Österreicher
Kongressbad
Publikum: Multikulturell
Laaerbergbad
Publikum: Inländer dürften noch in der Überzahl sein / multikulturell
Theresienbad
Publikum: geringer Inländeranteil

Die Einteilung in in- und ausländische, österreichische und nicht-österreichische Gäste ist diskriminierend und ausgrenzend. Es bleibt unklar, warum diese Information wichtig ist; vielmehr werden Klischees wachgerufen. Die Bezeichnung „multikulturell“ (im Unterschied zu „Ausländer“) lässt zudem befürchten, dass hier eine Kategorisierung in erwünschte und unerwünschte Personen vorgenommen wird. Weiters wird das Publikum im Hietzingerbad und im Höpflerbad als „sehr angenehm“ bezeichnet. Damit wird impliziert, dass die Badenden in den anderen Anstalten nicht angenehm sind. Im Übrigen fragt man sich, durch welche Methoden bei Wien-konkret die soziologischen Ermittlungen vorgenommen werden: Aussehen der Badegäste und persönlicher Eindruck bei einem Stichproben-Besuch? Oder werden seit Neustem beim Eintritt Personalausweise/Staatsbürgerschaftsnachweise/Reisepässe kontrolliert?

Auch wenn Wien-konkret diese Informationen nicht im Auftrag der Verantwortlichen für die Bäder erstellt hat, so kann es der Stadt Wien als Betreiberin nicht egal sein, mit welchen Texten ihre Anlagen beworben werden, wenn Integration und Gleichbehandlung aller noch politische Ziele sein sollten. Fraglich ist zudem, ob es für eine Stadt, die in hohem Maße vom Fremdenverkehr lebt, zielführend ist, den Gästen, die man locken will, auf Webseiten kundzutun, dass sie eigentlich nicht willkommen sind.

Da Wien-konkret diese Publikumscharakterisierungen trotz mehrerer Medienberichte, beispielsweise im Standard nicht entfernt, bitten wir die Verantwortlichen der Gemeinde Wien, dafür zu sorgen, dass öffentliche Institutionen, die auch mit Steuergeldern erhalten werden, nicht mit diskriminierenden Inhalten beworben werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Ingrid Thurner
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung (www.univie.ac.at/tmb)
Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien

Der Brief wurde geschickt an:
Wien-konkret
Ma 44 – Bäder
Ursula Struppe, MA 17 – Integration und Diversität
Sandra Frauenberger, Stadträtin für Integration

Der Brief erschien auch im Augustin, Nr. 311, 14. 12. 2011, S. 4.


Stellungnahme von Frau Struppe, MA 17, am 2.12. 2011

Sehr geehrte Frau Dr. Thurner,

gleich eine kurze Antwort: Diese diskriminierenden Beschreibung haben uns schon mehrfach beschäftigt.
Allerdings handelt es sich, wie Sie dem Impressum (…) entnehmen können, um eine private Seite, die mit der Stadt Wien in keinerlei Zusammenhang steht. Daher ist es bisher auch nicht gelungen, eine Änderung zu erwirken.
Ich begrüße es, dass Sie die Kritik daran aufgreifen, da solche diskriminierenden Beschreibungen unerträglich sind.

Mit freundlichen Grüßen
Ursula Struppe

Stellungnahme von Herrn Mag. Robert Marschal, Wien-konkret, am 3. 12. 2011

S.g. Frau Dr. Thurner,
S.g. Herr Institutsvorstand Dr. Fillitz,
S.g. Herr Rektor o. Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Engl,

1. Das ist ein redaktioneller Beitrag und keine von der „Stadt Wien“ finanzierte Werbung.

2. Bei den Bädern in Wien werden Ausländer nicht diskriminiert. Ausländer haben den gleichen Zugang und zahlen den gleichen Preis wie Inländer. Somit liegt keine Diskriminierung vor. (siehe auch Gleichbehandlungsgesetz)

3. Was echte Diskriminierung ist, das zeigt die Stadt Wien als Übeltäter vor.

Männliche Senioren zw 60 und 65 Jahren müssen in Wien bei den Wiener Linien
– die indirekt im Besitz der Stadt Wien sind – immer noch den doppelten Preis von weiblichen Senioren zahlen. Dies ist eine eindeutige Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Das hat auch schon der VfGH in einem Urteil erkannt.
Weitere Beispiele der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts in Österreich auf Bundesebene sind Wehrpflicht nur für Männer,
späteres Pensionsantrittsalter für Männer usw.. Leider gibt es auch Frauendiskriminierung in Österreich. Eigenartig, dass die Politik seit
Jahrzehnten beteuert für die Gleichstellung sorgen zu wollen, dies aber bis dato noch immer nicht gelungen ist. Woran das liegen mag?
Nicht einmal die Gleichbehandlungsrichtlinie der EU hat die SPÖ-ÖVP Koalition rechtzeitig in österr Recht umgesetzt.

S.g. Frau Dr Thurner,
Ich hoffe, Sie widmen sich der echten Diskriminierung und nicht der eingebildeten Diskriminierung. Das würde der Gesellschaft zu mehr Gleichbehandlung führen. Von einem Universitätsinstitut hätte ich mir schon mehr Sachlichkeit erwartet.
Das offensichtliche Schweigen der Uni-Wien zur Männerdiskriminierung in Österreich offenbart ihre eingeschränkte Sichtweise. Das wäre doch einmal ein neuer Forschungsgegenstand und das würde ihrem Status als Universität mit freier Lehre mehr Glaubwürdigkeit verleihen.

PS: Spannend wäre es noch zu hinterfragen, ob Sie oder die Universität Wien die Pressefreiheit einschränken wollen.
Offenbar schon.
Denn Sie wollen die „Stadt Wien“ dazu bringen, Druck auf die Redaktion eines Mediums auszuüben. (siehe Ihr Begleitschreiben)

Exkurs: Weiß die Universität Wien schon, welche Zitierregeln zur Zeit der Doktorarbeit von „Dr.“ Johannes Hahn (ÖVP; Ex-Wissenschaftsminister; EU-Kommissar) gegolten haben? Bitte um Übermittlung.
Zu diesem Thema werde ich noch einen Artikel verfassen…

Mit freundlichen Grüßen

Mag. Robert Marschall
Herausgeber des Stadtmagazins www.wien-konkret.at

4 Kommentare

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  1. arge Geschichte.

    ein Link zum Standard Artikel wäre gut.

  2. Ingrid Thurner

    Danke Thomas, für den Hinweis, Link ist eingebaut. I.

  3. Hallo, ich bin mal so frei und schreibe was in deinen Blog. Sieht super aus! Ich bin auch seit einige Zeit mit WordPress beschaeftigt einige Sachen sind mit aber noch fremd. Dein Blog ist mir da immer eine grosse Inspiration. Weitermachen!

  4. […] der EU-Austrittspartei ist bisher eher wegen seiner Internet-Seite Wien-Konkret aufgefallen, in der Wiener Bäder nach ihrem Ausländeranteil vorgestellt […]

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