Sprache ist nicht gleich Sprache

Wer, was, wann, wo und wie sind die fünf Frageworte, die wohl einem jeden Bericht zu Grunde liegen. Dies ist bestimmt auch beim Artikel „Ein Haus der Geschichten“ von Judith Belfkih, der die Eröffnung des Weltmuseums zum Thema hat, der Fall. Doch über das Wie lässt sich streiten. In welcher Weise, mit welcher Sprache wird über ein Thema gesprochen und welche Annahmen werden getroffen? Die Kultur- und Sozialanthropologie (KSA) setzt sich unter anderem auch intensiv mit diesem Wie auseinander.

In der Vergangenheit wurde diese Wissenschaft häufig für verschiedene Ideologien missbraucht, wie Frau Belfkih treffend schreibt. Daher muss in diesem Falle der Umgang mit Sprache umso präzisier sein. Der Begriff „Kulturkreis“ wirkt für das Weltmuseum und die KSA deplatziert – gerade auch, wenn in der Ausstellung selbst dieser Begriff dekonstruiert wird. Leider schleicht sich dieser Begriff in der Alltagssprache immer wieder ein, deshalb ist es besonders wichtig, in gut vorbereiteten Medienberichten auf eine sensible Sprachwahl zu achten. Das Wort Kultur ersetzt in diesem Kontext oft andere Begriffe – Volk, völkisch, Rasse –, die genauso wie die Theorie der Kulturkreislehre, aus der der Begriff des Kulturkreises stammt, seit dem Nationalsozialismus endgültig entsorgt wurden. All diesen wohnt ein europäischer und nationalistischer Chauvinismus inne. Und dieses Chauvinismus versuchen sich das Weltmuseum sowie die Kultur- und Sozialanthropologie zu entledigen. Die dahinterliegenden Konzepte sollen heute nicht mehr reproduziert werden. Sprache ist eben nicht gleich Sprache. Und vor allem hier nicht, wenn es um ein Museum geht, hinter dem eine Wissenschaft steht, in der unter anderem auch eine konkrete Auseinandersetzung mit der Frage wie berichtet wird, stattfindet.

Das Weltmuseum ist, ähnlich technischen oder naturwissenschaftlichen Museen, einer bestimmten Wissenschaft zu(- und unter-)geordnet. Im Falle des Weltmuseums ist es die Kultur- und Sozialanthropologie. Sie ist die Wissenschaft kultureller und sozialer Organisationsformen außereuropäischer Gesellschaften. Zudem hat sie klare Vorgehensweisen, Methoden und Theorien, die auch in einem Völkerkundemuseum – seit seiner Umbenennung 2013 Weltmuseum – widergespiegelt werden. Dieses Museum hat zum Ziel, Zeugnisse der kultur- und sozialanthropologischen Forschung auf Basis von Gegenständen (und Geschichten) abzubilden. Dabei sind das Sammeln und das Ausstellen zentrale Methoden, die keinesfalls überholt sind. Das ICOM (International Council of Museums), eine zentrale und weltweit operierende Museumsorganisation, beschrieb die Tätigkeiten des Sammelns und des Ausstellens als zentrale Aufgaben des Museums. Museen zeichnen sich gerade durch die Darstellung der Materialität aus. Was wären Museen ohne Gegenstände/Sammlungen, und wo wären diese ohne das Sammeln und Ausstellen? Zusätzlich verfolgen Museen einen Bildungsauftrag, der nicht durch andere Medien, wie das Internet oder Fernsehen, ersetzt werden kann. Museen sind als aktive und emanzipatorische Bildungsanstalten zu begreifen, die in die Gesellschaft eingreifen können.

Das Sammeln selbst als methodische Praxis ist den unterschiedlichen Postulaten und geschichtlichen Entwicklungen der Wissenschaft unterworfen. Es entspricht also dem wissenschaftlichen Stand in Museen sowie in der KSA, die Geschichte der Sammlungen und damit ihrer Sammler und Sammlerinnen zu erzählen. Der Hintergrund ist einfach: Ein Objekt wird erst durch die Interaktion des Menschen mit ihm bedeutsam, und das sowohl in seinem Verwendungs- als auch im Ausstellungskontext. Da Objekte gesammelt werden, der Sammler und die Sammlerin mit dem Gegenstand in Beziehung treten, muss auf diesen Hintergrund in der Darstellung eingegangen werden. Es spielen also nicht nur das Wer, Was, Wann, Wo eine wichtige Rolle, sondern vor allen Dingen das Wie.

Wichtige Themen der Kultur- und Sozialanthropologie sind also, wie etwas entsteht, wie damit umgegangen und wie darüber gesprochen wird. Der Frage nach dem Wie, in all seinen Facetten, muss mit großer Sorgfalt nachgegangen werden, gerade auch, um nationalen Chauvinismen vorzubeugen.

 

Dieser LeserInnenbrief ist in gekürzter Fassung im Leserforum der Wiener Zeitung erschienen und kann unter diesem Link aufgerufen werden.

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