TMB-Gastbeitrag: Rebellion und Salafismus oder Sinnsuche 2.0

Die Ideen und Gedanken des Sozialarbeiters Fabian Reicher zum Umgang mit salafistisch orientierten Jugendlichen erschienen in gekürzter Form als Gastkommentar in der Presse sowie in der Septemberausgabe der uni:press der öh salzburg.

Spätestens seit zwei junge Frauen Österreich verlassen haben, um für den islamischen Staat zu kämpfen, stellt sich die Frage nach dem Warum. Warum gehen Jugendliche, die in einem friedlichen Land leben, freiwillig weg, um zu kämpfen? Warum diskutieren sie über Videos, in denen Gewaltszenen zu sehen sind, als würde es um Kuchenrezepte gehen? Warum sympathisieren Jugendliche mit extremistischen, gewaltverherrlichenden Organisationen wie dem Islamischen Staat?

Die Jugendphase ist eine Zeit des Suchens, Ausprobierens und Abgrenzens. Um in den zentralen gesellschaftlichen Positionen die volle Selbstständigkeit zu erreichen, müssen sich Jugendliche von der Erwachsenenwelt abgrenzen und ihre eigenen Identitäten entwickeln, verschiedene Rollen ausprobieren und wieder ablegen.

Klingt zunächst ziemlich einfach, ist aber für Jugendliche in unserer individualisierten, säkularisierten Gesellschaft, in der sich traditionelle Strukturen nach und nach auflösen, vor allem eines: harte Arbeit. Wie soll man sich abgrenzen, provozieren und auffallen, in einer Welt, in der Gewalt, Pornografie,Hip Hop und Punkmusik fest im Mainstream verankert sind, in der es scheinbar keine Moral und keine Werte mehr gibt, in der Menschen an nichts mehr glauben? Das hohe Maß an Freiheit erfordert individuelle Kompetenzen zur Selbstorganisation. Erlernt werden sollten diese Kompetenzen in den zentralen Sozialisationsinstanzen: Familie, Schule, Peergroup.

Was aber, wenn diese Sozialisationsinstanzen diese Aufgabe nicht erfüllen können? Wenn Eltern aufgrund ihrer sozialen Situation an vielen gesellschaftlichen Bereichen nicht mitwirken können, wenn sie beispielsweise ihre ganze Kraft dafür aufbringen müssen, ihren Kindern ein Dach über dem Kopf bieten zu können?Eltern, die ihr Leben lang Diskriminierung und Ausschluss erleben mussten, fallen als Vorbilder weitgehend aus. Dazu kommen ein Bildungssystem, das sich nicht immer auf die Stärken der Jugendlichen, sondern oft auf ihre Schwächen konzentriert, sowie eigene Ausgrenzungserlebnisse. Für immer mehr Jugendliche erscheinen die von unserer Gesellschaft vorgegebenen Ziele für ein gelingendes Leben unerreichbar; unsere Gesellschaft kann ihnen keine Orientierung anbieten und schon gar nicht das Gefühl „du gehörst zu uns, du bist wichtig“.

Dieses Gefühl – „ich gehöre dazu, ich bin wichtig“ – bieten salafistische Ideologien Jugendlichen an. Ziel aller salafistischen Ausprägungen ist die Überwindung der Trennung von Politik und Religion, die Errichtung einernomokratischenStaatsform beruhend auf einem nichtveränderbaren, archaischen Gesetz. Dabei propagiert der Jihadistische Salafismus, die radikalste dieser Ausprägungen, offensiv die Ausübung von Gewalt, um dieses Ziel zu erreichen. Obwohl sich diese Ideologien auf den Koran berufen, widersprechen sie in vielerlei Hinsicht grundlegenden islamischen Werten. Aber sie bieten einfache Handlungsanleitungen, sie teilen die Welt in „gut“ und „böse“, in „wir“ und „die anderen“ und ersparen dadurch Ambivalenzen.

Dieses Phänomen ist nicht neu, es hat nur eine neue Verpackung. Schon immer waren junge Männer in Krisensituationen für Ideologien anfällig, die ihnen Zugehörigkeit, Identität und die Möglichkeit bieten, endlich ein Held sein zu können. Rechtsextreme Ideologien sind beispielsweise sehr ähnlich aufgebaut. Neu ist die Geschwindigkeit, mit der sich die Propaganda im Internet verbreiten lässt, und neu ist auch die unglaubliche Empörung, die diese Ideologien in der Gesellschaft auslösen – ein weiterer Anziehungspunkt für Jugendliche.

Angesichts der rezenten Entwicklungen stellt sich nun die Frage: Wie sollen wir mit Jugendlichen umgehen, die uns mit ihrer Sympathie für diese Ideologien empören, uns an Bilder von Krieg, Gewalt und Terror denken lassen und uns durch ihre Sympathie zu extremistischen Organisationen vielleicht sogar Angst machen? Was müssen wir diesen Jugendlichen anbieten?

Eine Antwort: Anerkennung, Wertschätzung und klar definierteGrenzen, an denen sie sich orientieren können. Oft brauchen Jugendliche erwachsene Bezugspersonen, die ihnen zuhören und sie ernst nehmen, die ihnen zu verstehen geben, dass sie wertvolle Menschen sind und ihnen ihre eigenen Werte und Moralvorstellungen zur Verfügung stellen.

Eine Unterscheidung zwischen jugendadäquater Provokation und manifestiertem Gedankengut ist wichtig, ernst nehmen muss man beides. „Nein, Videos, auf denen Menschen abgeschlachtet werden, sind nicht cool, egal wer die Menschen sind und was sie getan haben“ – klare Stellungnahmen wie diese vermissen und fordern Jugendliche, daran können sie sich festhalten. Die eigene Empörung an vorherrschender Ungerechtigkeit, unter anderem auch an Islamfeindlichkeit, sollte man mit den Jugendlichen teilen und gemeinsam Möglichkeiten finden, gegen diese zu kämpfen, und zwar ohne Waffen.

Kritisch zu hinterfragen ist auch, wie viel Platz dem Phänomen „salafistisch orientierte Jugendliche“ in den Medien gegeben wird, ohne dabei zwischen den unzähligen verschiedenen Strömungen im Islam und politisch motiviertem Extremismus zu unterscheiden. Von den Jugendlichen wird verlangt, zwischen den verschiedenen Gruppierungen innerhalb ihrer eigenen Religion zu differenzieren und Kritik am Extremismus zu üben. Wie sollen Jugendliche diese schwierige Aufgabe bewältigen können, wenn viele Medien nicht mit gutem Beispiel vorangehen?

Jugendliche, die sich an salafistischen Ideologien orientieren, befriedigen damit ein Bedürfnis, das auch anders erfüllt werden kann. Genau dabei müssen wir sie unterstützen.

Fabian Reicher, BA, ist Sozialarbeiter bei der mobilen Jugendarbeit in Wien und Beirat im „Netzwerk sozialer Zusammenhalt“.

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