TMB-Gastkommentar: Schule fürs Leben?

Von Gizem Gerdan, erschienen in der Wiener Zeitung am 15. Juni 2014

Seit Mitte März werden im Rahmen eines Experiments der Sendung „Thema“ zwei Schulklassen aus einer Neuen Mittelschule (NMS) und einem Gymnasium mit einer Kamera und einem Team von Trainer_innen durch die letzten Monate der 8. Schulstufe begleitet. Schon im Laufe der ersten Folge wird klar, dass es der Anteil an Schüler_innen mit Migrationshintergrund ist, der diese Klassen nach der Idee der Redakteure ganz besonders von einander unterscheidet. Ziel dieses Experiments ist es, dass die Schüler_innen von- und miteinander lernen. Zehn Jugendliche werden näher vorgestellt und begleitet, sechs von ihnen haben Migrationshintergrund, vier davon Fluchterfahrungen.

Der Ansatz der Sendung ist eigentlich erfreulich, da er eine Möglichkeit bietet, migrantische Geschichten zu erzählen, die selten Platz in Mainstreammedien finden. Die erste Folge der Sendung setzt in dieser Hinsicht auch positive Zeichen: Wir lernen die Jugendlichen kennen. Nichtsdestotrotz zeigen leider die nächsten Folgen eine deutliche Fokussierung auf die Kinder mit Fluchterfahrung, die stutzig werden lässt. Natürlich ist diese Erfahrung prägend für die Wünsche und Träume der Schüler_innen. Aber das Thema Flucht beherrscht nicht nur die Darstellung der Jugendlichen aus der NMS sondern den Großteil der gesamten weiteren Sendezeit.

Vermeintliche Andersartigkeit im Fokus

Sowohl Moderation als auch Narration machen den Status als Geflüchtete und die vermeintliche Andersartigkeit ihrer Herkunft zu zentralen Charakteristika dieser Jugendlichen. In der vierten Folge wird etwa durch die Stimme aus dem Off festgestellt, dass Sam die Flucht aus dem Irak schwer getroffen hat, und nun durch die Absagen von weiterführenden Schulen ein weiterer Tiefschlag für ihn folgte. Und Asip wird in Folge fünf, in der es eigentlich um seine sportlichen Leistungen geht, völlig aus dem Zusammenhang gerissen als „Flüchtling aus Afghanistan“ beschrieben. Nachdrücklich rufen die Macher der Sendung den Zuschauer_innen ins Gedächtnis, dass es sich hier um „andere“ Jugendliche handelt – Jugendliche, die nicht so sind wie „Wir“.

Asip, Sam, Nabaa und Fatima müssen auch ständig Fragen zu ihrer Flucht, ihren Religionen und „ihren Kulturen“ beantworten. Ihre schulischen Erfahrungen rücken in den Hintergrund, die Jugendlichen werden zu Informant_innen ihrer Herkunftsländer und Religionen. Dabei wird die Andersartigkeit nicht-europäischer Kulturen ins Rampenlicht gestellt. Denn es ist Asip, der zu Afghanistan ausgefragt wird, und nicht Julie, die ebenfalls einen tschechischen Migrationshintergrund hat. Und als Nabaa im Krisenzentrum besucht wird, wird man Zeuge eines Gesprächs, in dem sich ein 13-jähriges Mädchen als vermeintliche Repräsentantin aller muslimischen Frauen zu populistischen Themen wie Kopftuch oder Frauenunterdrückung im Islam äußern muss.

Auf Migrationshintergrund reduziert

In einer Sendung, die jungen Menschen wichtige Dinge für das Leben mitgeben will, sollte darauf geachtet werden, dass jene, die als „anders“ angesehen werden, nicht ständig dazu genötigt werden, solche großen und weitreichenden Fragen zu beantworten. Ihnen sollte vielmehr das Selbstbewusstsein vermittelt werden, dass sie keine Kulturvermittler_innen sein und auf Abruf aufdringliche Fragen beantworten müssen.

Es bleibt als Resultat dieser gut gemeinten Sendung, dass sie leider die Linie zwischen Repräsentation von Vielfalt und zur Schau Stellung von Andersartigkeit überschreitet. Durch eine Sprache, die wiederholt die Jugendlichen auf ihren Migrationshintergrund reduziert, und Sendungsinhalten, die sich immer wieder um die traumatisierende Erfahrung von Flucht und Kulturunterschieden drehen, werden die Schüler_innen der NMS exotisiert und ausgebeutet. Hoffentlich ist es nicht das, was diese Schüler_innen von der proklamierten „Schule fürs Leben“ für ihre Zukunft mitnehmen.

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