Über Hasssprache im Web 2.0

Gemeinsame Veranstaltung Internetforschung/TMB: Vortrag 22.6.2011
Carmel Vaisman, Hebräische Universität Jerusalem
„Don’t feed The Trolls! Countering The Discourse Patterns of Online Harassment“

3 Mechanismen von Hasssprache
Verstöße (contempt) durch Generalisierung, Stereotypisierung, dann
Dämonisierung, dann
Delegitimierung

6 Textpraktiken (behaviours)
spammen
flamen
stalken
trollen
cyberbullying
virtuelle Vergewaltigung (Aufforderung zu)

6 Muster (patterns)
Relevanz
Wiederholung
Zeit- und Energieverschwendung
unerwünschte Nähe (unsolicited proximity)
öffentliche Verbreitung
Voodoo-Effect

Spammen
Wort aus einem Monty Python Film,
man müllt jemanden zu mit E-Mails, mit Kommentaren, Postings, manchmal ohne Inhalt, manchmal nur wirrer Unsinn,
3 Muster wirken (Relevanz, Wiederholung, Zeit- und Energieverschwendung)
Relevanz:
Was Spam ist, wird individuell bestimmt (für den, der Viagra braucht, ist das kein Spam, sondern ein Angebot)
Wiederholung: einmal ist in Ordnung, kann auch ein Irrtum sein,
oft in kurzer Zeit ist eine Belästigung.
Wie oft kann man etwas machen, ohne dass es Spam ist?
Dreimal dasselbe Tweet ist nervig, wenn man es schon zweimal gelesen hat, aber nicht für eine Person, die gerade erst einsteigt.
Zeit- und Energieverschwendung: wegen der Wiederholung, man muss es löschen etc.

Flamen
etymolog. the flame
Es passiert mit Worten, es ist kein Flamen, wenn es nicht beleidigt.
Beim Flamen sieht man in einem Forum, wie es begann, wer begann und wie es endet.
Spontane Dynamik: jemand schreibt etwas, jemand antwortet, es eskaliert. Aber es ist nicht geplant (im Unterschied zu Trollen).

Trollen
etymolog. nicht von den Dämonen aus nordischen Mythologien, sondern vom engl. to troll, herbeiziehen (Trolley)
Trollen ist Flamen mit Absicht, ein Troll ist, wer es inszeniert (fem. die Trollin?). Trolle freuen sich, wenn ein Flamen initiiert wurde. Trolle sind sehr höflich, provozierend durch höfliche Bemerkungen.
z. B. in einem Frauenforum behauptet jemand: Also heute kann man doch wirklich nicht mehr sagen, dass Frauen weniger verdienen als Männer. Andere antworten, widersprechen, es eskaliert.
Trolle wollen ein Gespräch lenken, argumentieren selbst nicht, widersprechen nicht, aber schütten Öl ins Feuer.
Das war die erste Generation der Trolle. Der Begriff hat einen Bedeutungswandel erlebt. Zunehmend sind Trolle einfach nur Personen, die provokant und lästig sind.
Muster, das wirkt: unerwünschte Nähe
Nähe: Web ist eine Seite (page), aber auch Raum (space).
Räumliche Metaphern: hinein-, hinausgehen, ein-, aussteigen, Forum wird geschlossen, man geht in Facebook, man trifft Freunde.
Junge und Beleidigende betrachten Webplattformen (sic!) als Raum und nicht als Seite, auf der Text veröffentlicht wird.
Jemand ist nahe, man beginnt zu plaudern, private Konversation (private channel = private space).
Wenn Adressaten aber nicht interessiert sind, werden Anfragen, z. B. zum Chat, als Belästigung empfunden (Muster: unerwünschte Nähe).

Stalken
Jedes Posting, das man macht, kommentiert dieselbe Person oder liket es, sowie man einsteigt, ist die stalkende Person schon da und begrüßt einen (Muster: Wiederholung, unerwünschte Nähe).
Auch wiederholtes Anstubsen (poking), falls unerbeten, ist Stalken.

CyberBullying (Mobben)
Viele Hassgruppen und Facebook-Seiten: We hate … (z. B. Lehrpersonen)
Beleidigungen und Drohungen (Muster: Wiederholung)
Es ist schlimmer als in der Schule, denn dort endet es, wenn sie aus ist, im Web endet es nie.
Es ist geschrieben, es ist immer da, kann nicht entfernt werden.
Text-Mobbing: Leute verabreden sich zu Schikanen (let’s jump on the blog of somebody)
Und wenn diese Person dann einschaltet, sind 300 Postings da, die früher Gesagtes kommentieren, aus dem Zusammenhang Gerissenes wiedergeben, Beschimpfungen, Unsinn (Muster: Zeit- und Energieverschwendung).
Oder: es wird behauptet, einer sei homosexuell (es gab einen Schülerselbstmord deswegen).
Die Verbreitung erfolgt in der Art eines Virus (viral distribution).
Früher hatten nur Professionelle des Journalismus diese Macht.
Man muss solche Web 2.0 Seiten als Raum betrachten. Für die, die Mobbing betreiben oder erleiden, ist es ein Raum, ein anderer Schulraum, Fortsetzung des Schulraumes (Muster: öffentliche Verbreitung).

Voodoo-Effekt
Avatar: virtuelle Repräsentanz in einer textbasierten Chat-Umgebung, das Facebookprofil, aber auch die Online-Person, das, was aufscheint, wenn man eine Person googelt.
Durch Cybermobben wird der Avatar, die Online-Repräsentation (Abbild im Voodo) verletzt,
z. B. der Kopf einer Lehrperson wird auf einen Affenkörper gesetzt, das Foto online gestellt.
(Muster: Wiederholung). Es kann psychotische Wirkung haben.

Virtuelle Vergewaltigung
Beispiel: in einem Spiel schrieb ein Hacker ein Computerskript, das es anderen Personen verunmöglichte, ihren Avatar weiter zu kontrollieren. Er verwickelte sie in diverse Aktionen, darunter sexuelle.
Beispiel aus Israel: jemand eröffnete ein Facebook-Konto im Namen einer 12-jährigen, stellte sie als Prostituierte dar, gab ihre Telefonnummer an.
Physisch ist kein Schaden da, niemandem wurde ein Haar gekrümmt.

Gewalt und Online-Identität
. Wiederholung als Erosion
. Verletzung des Avatar als Verletzung des Selbst.
. Aufmerksamkeit als zweischneidiges Schwert: Alle wollen Aufmerksamkeit (Troll), zu viel Aufmerksamkeit will niemand.

QUALITÄT/GENRE DES DISKURSES
Hasssprache wird begünstigt durch die Anonymität, aber in den letzten 5-6 Jahren ist das Web weniger anonym (Facebook, Twitter).

Hasssprache verwenden die Leute keineswegs nur anonym, und sie sagen dabei Dinge, die sie der betroffenen Person von Angesicht zu Angesicht nie sagen würden.
Oft sind das Leute, die einander real kennen, die Beleidigungen erfolgen aber nur virtuell.

Kulturelle Faktoren sind dafür verantwortlich.
Israelische Hasssprache sei die schlimmste, das kann zurückgeführt werden auf Talmud-Rhetorik, die sehr direkt sei mit einer entwickelten Streitkultur.

Literatur:
Jane B. Singer, David Domingo, Ari Heinonen, Alfred Hermida, Steve Paulussen, Thorsten Quandt, Zvi Reich, Marina Vujnovic (2011): Participatory Journalism: Guarding Open Gates at Online Newspapers. Wiley
http://www.wiley.com/WileyCDA/WileyTitle/productCd-1444332260.html

Jede (internationale) Zeitung würde behaupten, ihr Forum sei das schlimmste.
Wie verträgt sich das mit der talmudischen Rhetorik, die in Israel verantwortlich sei?

Hasssprache gäbe es deswegen, weil die Kommunikation vermittelt sei (mediated). Zwei sind allein im Raum im Web und gehen aufeinander los.

Unter Berufung auf Emmanuel Levinas: alle Elemente, die wichtig seien für ethische Kommunikation, seien im Web nicht da: das Gesicht und der Körper.

Online wurde sogar ein Selbstmörder angefeuert (Beispiel aus USA), real würde jemand die Polizei verständigen.

Gewalt, Identität und Ausführung (embodiment) – Online
. Macht der Sprache: Entscheidung über Tod und Leben
            Worte können töten, aufgeladene Worte (charged words)
. Leute als Content und die Frage der Zeugenschaft – Identitäts-Zuschreibung (identity perfomance) erfordert eine Körpermasse
            Die Person ist nur Content, nicht Person, da kein Körper da ist.

Warum beleidigt man einander nicht in Brief und E-Mail? Da sei man nicht synchron.
Aber das ist man im Web 2.0 auch oft nicht.

Warum aber gehen Autofahrer manchmal wegen Nichtigkeiten aufeinander los, und warum gebärden sich neuerdings militante Radfahrer als verbal rücksichtslose Verkehrsteilnehmer? Da ist jedenfalls ein Körper vorhanden. Ist da jetzt das Auto/Fahrrad das vermittelnde Medium?

Fazit: Brillante Rhetorikerin, mindestens 1,5 h vergingen wie im Flug, die Präsentation einfach, unprätentiös und ansprechend.
Guter Überblick über Cyberunsitten als Textpraktiken.
Man hätte noch mehr hören wollen, beispielsweise über Methoden der Datenerhebung und Auswertung (Vortrag für studentisches Zielpublikum?) oder über Lösungsansätze zur Bekämpfung von beleidigenden und belästigenden Praktiken.
Die Erklärungsansätze bezüglich des Warum von Hasssprache wären außer beim Trollen (Aufmerksamkeit, Steuerung) in ihrer Rückführung auf talmudische Rhetorik für ein Publikum mit anderem kulturellen Hintergrund erweiterbar.

Exzerpt: Ingrid Thurner

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