Über „unkontaktierte Völker“

In dem Artikel „Die letzten unkontaktierten Völker der Welt“ im Standard vom 29. 11. 2018 von Bianca Blei werden indigene Gesellschaften aus abgelegenen Gegenden in aller Welt in einer Weise dargestellt, die man – höflich formuliert – als vereinfachend bezeichnen kann.

Die existenziellen Bedingungen für indigene Gruppen sind so verschieden wie die Staaten, in denen sie leben, aber gemeinsam ist ihnen Marginalisierung, oft Diskriminierung und rassistische Ausgrenzung. Außerdem teilen sie Zuschreibungen von Primitivität, Rückständigkeit und Ahistorizität von Seiten ihrer Nachbargesellschaften – bis hinein in westliche Medien.

Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie regelmäßig als „Stämme“ durch die Presse touren, besonders, wenn sie einmal aufbegehren. Gewiss wird der Begriff in der Berichterstattung unreflektiert verwendet und nicht bedacht, dass er – in diesem Kontext – auf eine eurozentristische Perspektive der Überheblichkeit verweist, dass ihm eine abwertende, allenfalls paternalistische Konnotation innewohnt.

Jedenfalls sind die im Artikel angesprochenen Indigenen keine Stammesgesellschaften, sondern eher egalitäre Gemeinschaften. Bei weitgehender Geschlechtergleichheit werden Entscheidungen akephal, also ohne herrschende Instanz, nach Beratungen und durch Konsens getroffen, wobei Expertise in Sachfragen geschätzt wird.

Tribale Gesellschaften hingegen sind soziopolitische Gruppierungen, die auf Herkunft und Verwandtschaft basieren, häufig können sie in patrilinearer Deszendenz auf einen gemeinsamen mythologischen Vorfahren verweisen. Sie sind stärker hierarchisch organisiert, mit einem Oberhaupt als Entscheidungsträger. Ihre Wirtschaftsform ist produzierend, sie sind etwa nomadisierende Viehzüchter oder sesshafte Ackerbauern, während die Ernährung der genannten Indigenen in aneignender Wirtschaftsform auf Jagen, Sammeln oder Fischen gerichtet ist.

Gemeinsam ist indigenen Gruppen auch die Bedrohung von außen, etwa durch lukrative Großprojekte, seien es Staudämme oder Autobahnen, durch Abbau von Edelhölzern und durch Landraub für die Anlage von Plantagen welcher Frucht auch immer, etwa Bananen, Ölpalmen, Kautschuk oder Soja.

Wie daraus ersichtlich, beruht die angebliche „Unkontaktiertheit“ auf einem Missverständnis. Unkontaktiert sind sie allenfalls aus der Perspektive derjenigen, die über sie schreiben. Die angesprochenen Entwicklungen, die ihren Lebensraum und daher ihre Existenz gefährden, sind ja Ergebnis von Kontaktsituationen, von der Übertragung von Krankheiten angefangen, bis zu Infrastrukturprojekten und den ökonomischen Interessen transnationaler Akteure in einer globalisierten Welt. Genau deswegen lehnen manche indigene Gemeinschaften Kontakte nach außen ab, in der vergeblichen Hoffnung, dass sie dann unbehelligt bleiben.

Im Übrigen ist die Resolution 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aus dem Jahr 1989 längst nicht mehr die einzige Übereinkunft zu ihrem Schutz. Inzwischen gibt es die weit wichtigere United Nations Declaration on the Rights of Indigenous Peoples (UNDRIP). In ihr sind die Rechte für Indigene auf Selbstbestimmung, Land und Ressourcen festgehalten. Sie wurde im Jahr 2007 von 144 Staaten angenommen, seither haben sich weitere angeschlossen.

Ingrid Thurner

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail wird nicht veröffentlicht.

(erforderlich)
(erforderlich)