Hadza: Von wegen Besitzverweigerer

Der Artikel ist erschienen im Standard, 23. 5. 2014.

Seit Langem geistern immer wieder Hadza durch die Medien, in diesem Fall im Artikel „Besitz macht ökonomisch unvernünftig“ (Standard 21. 5. 2014), als eines „der letzten Jäger- und Sammler-Völker dieser Erde“. Dazu ist zu sagen, dass das Aussterben von Kulturen, die aneignende Wirtschaftsformen wie Jagen und Sammeln betreiben, seit mindestens Anfang des 19. Jahrhunderts vorausgesagt wird – und dass es sie nach wie vor auf allen Kontinenten gibt. Und wenn sie „völlig abgeschieden von der Umgebung leben“ könnten, würden sie nicht für absonderliche Projekte von Universitäten zur Verfügung stehen müssen.

Da steht: „Wovon Kommunisten nur träumen können, ist bei den Hadza eine soziale Norm. Die Männer jagen wilde Tiere, die Frauen sammeln Früchte, das Essen wird geteilt.“ Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ist eben gerade kein kommunistischer Traum, ganz im Gegenteil, der Kommunismus wollte sie überwinden, wollte Frauen stärken und Männer schwächen, um Macht ausüben zu können. Um Übrigen sind geschlechtsspezifische Rollen in allen Kulturen eine soziale Norm, sie zählen zu den menschlichen Universalien.

Und wenn Hadza „am Marktgeschehen gar nicht teilnehmen“, „allem Besitz den Rücken kehren“ und „ohne marktwirtschaftliche Erfahrungen“ sind, so steht eher zu befürchten, dass ihre marktwirtschaftlichen Erlebnisse vor allem im Negativen bestehen. Sie sind die, die stets verlieren: Die britische Kolonialverwaltung, Missionsstationen und der moderne Staat wetteiferten in ihren Methoden, sie sesshaft zu machen, ihre Landrechte müssen sie sich erst erkämpfen, Viehherden und Ackerbau bedrohen ihre Existenz, Alkoholismus ist ein Problem, und Zugang zu sauberem Trinkwasser, medizinischer Versorgung und Bildung ist für sie schwieriger als für andere Bevölkerungsgruppen in Tansania.

Zudem ist der Artikel sprachlich und rechtsanthropologisch unpräzise, gemeint ist nämlich ein Eigentumseffekt und nicht ein Besitzeffekt. Ohne im Besitz von Waffen und Werkzeugen zu sein, lässt sich keine Großwildjagd organisieren, sehr wohl aber, ohne sie im individuellen Eigentum zu haben. Diese Menschen leben demnach nicht besitzlos, sondern allenfalls eigentumslos.

Es könnte genau diese Unterscheidung sein, die die Hälfte von 91 Untersuchten auch zu anderen Keksen und Feuerzeugen greifen lässt, während die im Eigentumsdenken Verhafteten aus industriellen Gesellschaften lieber behalten, was ihnen bereits gehört.

Ein Grund, daraus zu schließen, dass Hadza und andere Gruppen, die Jagd- und Sammelwirtschaft betreiben, ökonomisch rationaler denken, als die Angehörigen von Industrienationen ist das nicht, dafür sind die Befunde doch wohl zu mager.

Als Ergebnis der Studie wird angeführt, „dass der Besitztumseffekt kein universelles Phänomen ist, sondern von der Kultur geprägt wird, in der man lebt“. Um zu so einem Forschungsergebnis zu gelangen, braucht man nicht marginalisierte Menschen zu belästigen, die mit der Existenzsicherung in kargen Lebensräumen schon genug zu tun haben, da würde der Besuch einer erstsemestrigen Vorlesung an einem x-beliebigen sozialwissenschaftlichen Institut genügen.

Ingrid Thurner

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Liebe Ingrid Thurner,

ich bin mit Deiner Kritik an der wissenschaftlichen Untersuchung und den entsprechenden Auswertungen mit Blick auf die Hazda ganz und gar einverstanden. Und ich finde es wunderbar, wie sehr Du Dich engagierst. Auch dagegen wehrst, dass Begriffskategorien, die aus dem einen Kontext stammen und dort Sinn und Bedeutung machen, blind auf einen völlig anderen Kontext übertragen werden. Wir haben es in diesem letzteren Fall nicht mehr mit einer Begrifflichkeit zu tun, welche die äussere Realität erfasst, sondern nur noch mit eigenen Projektionen.

Mit Blick auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung sei mir eine Anmerkung erlaubt: Für eine vernünftige Diskussion der Geschlechtsrollen ist stets die verfügbare Technologie systematisch und als ein zentraler Faktor zu berücksichtigen. Denn wie die Arbeit zwischen Mann und Frau aufgeteilt wird, hängt transkulturell stets von zweierlei ab: Zum einen von von den Ressourcen und vom qualitativen und quantitativen Zugriff auf diese Ressourcen, mit denen die betreffenden Menschen als Gruppe überleben, zum andern von der spezifischen Ausstattung, über die Mann und Frau – i. d. R. u n d im besonderen Einzelfall – dann verfügen und die mit Blick auf die Aneignung der lebensnotwendigen Ressourcen mehr oder weniger vorhanden bzw. dienlich sind.

Um es kurz zu machen, mach ich’s an zwei extremen Eckpunkten fest:
• Der eine extreme Punkt: Die Kapitalzentren mit ihren Wohlfahrtsstaaten und Universitäten
Hier, wo Du und ich leben, hat sich dank der Technologie (d. h. Maschinen, nicht-menschliche Energie und Kapital) eine sozioökonomische Struktur (d.h. Rechtsvorstellungen, Institutionen, soziale Rollen) etabliert, die vom derzeit grenzenlosen Zugriff auf die Ressourcen gespiesen wird.
M. a. W.: Wir verfügen in den Kapitalzentren über eine Technologie, die es beiden Geschlechtern erlaubt, „im Prinzip“ gleichermassen, gleichwertig und ohne geschlechtstypische Unterschiede, an den wichtigen gesellschaftlichen Kernaufgaben teilzunehmen: D. h. Frauen und Männer können gleichermassen an den Aufgaben der Güterproduktion, der Verteilung, der Erziehung und Ausbildung, von Schutz und Sicherheit teilnehmen. Es gibt zwar bis heute wichtige Ausnahmen, doch lass ich sie mal weg.
Dennoch behaupte ich manchmal kühn (vgl. das Bilden unten): Was hat mich denn als Frau befreit? Maschinen, Erdöl, die Kapitalzirkulation, der Staat und die Pille! Nur sind wir in den Zentren der Kapitalakkumulation i. d. R. dafür blind. Vorgestern habe ich mit einer jungen Aerztin gesprochen. Sie insistierte: Für Aerztinnen müssen Halbtagsstellen geschaffen werden! Nicht bedacht hat sie, dass damit die Ausbildung zum Arzt doppelt so teuer kommt – in der Schweiz macht das dann eine Million statt „nur“ eine halbe aus. Und wer denkt daran, dass das wiederum i. d. R. Umverteilungsprozesse, höhere Produktivität und mehr Energieverbrauch bedeutet?
• Der andere extreme Punkt: die Jäger und Sammler. Leider sind sie effektiv am Aussterben – dafür sorgen wir!
Aber gehen wir zu den HackbäuerInnen Mosambiks. Ich war 2005 in einem Dorf, in dem ich die folgende Arbeitsteilung beobachten konnte: Die Frauen, mit ihren Hacken auf den Feldern, viele von ihnen mit dem Kleinsten auf dem Rücken, leisteten Schwerarbeit für die tägliche Nahrungsmittelproduktion.
Von den Männern waren schier alle weit weg: In den Minen Südafrikas beschäftigt, sorgten sie dafür, dass ihre Familien über das nötige Bargeld verfügten, das frau für den Schulbesuch der Kinder, die medizinische Betreuung und Versorgung sowie für den Einkauf von Kleidern etc. braucht.
In dieses Dorf kam just die Gleichstellungsbeauftrage aus der Stadt zu Besuch – von aussen und oben finanziert: von einer westlichen NGO. Die Dame aus der Stadt erklärte mir stolz, dass am späteren Nachmittag eine Sitzung mit diesen Frauen anberaumt worden sei. An dieser Sitzung ging es ihr darum, den Schwerstarbeiterinnen auf dem Dorf beizubringen, dass sie gleichwertig wie die Männer und deshalb diesen gleichgestellt seien. Viele Frauen blickten finster auf die Delegierte aus der Stadt: Ich hatte den Eindruck, manche hätten sie am liebsten mit der Hacke erschlagen…. Denn ein wichtiger Punkt in der Diskussion war der Schulbesuch der Mädchen. Die Mädchen bleiben der Schule öfters fern als Knaben. Und d a s geht nicht! so die Beauftragte.
Weshalb aber diese geschlechtstypischen Absenzen? das wollte ich später dann von den Dorffrauen wissen. Die Mädchen werden gebraucht. Denn während die Väter abwesend waren und die Frauen schwerste Feldarbeit leisteten, mussten manche der älteren Mädchen die 1 – 6jährigen Kinder betreuen, die nicht mehr auf dem Rücken getragen werden konnten und die bei der Feldarbeit hinderlich und schwer zu beaufsichtigen waren.

Ich glaube, liebe Ingrid, dass wir im Westen unsäglich struktur- und kulturblind geworden sind. Wir übersehen, dass der grenzenlose Zugriff auf Ressourcen, von dem wir derzeit leben, höchst unökologisch und deshalb auch nicht generalisierbar ist! Im Gegenteil: Wenn wir auf dem Blauen Planeten überleben wollen, dann haben wir wieder v i e l von den Menschen und ihren Gesellschaftsformationen zu lernen, die mit weit weniger Ressourcen überleben als wir.

Herzlichst aus Zürich
Verena Tobler Linder

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