Was eigentlich ist Islamismus?

Wenn es eine Schwarmintelligenz gibt, dann auch eine Schwarmdummheit. Der inflationäre Gebrauch des Wortes „Islamismus“ in Medien und Stammtischrunden gehört zweifellos zur letzteren.

Was fällt nicht alles unter Islamismus? Taliban, Al-Qaida, Muslimbruderschaft, der ägyptische und der türkische Präsident, der tunesische und der marokkanische Regierungschef. Männer mit Bärten und Frauen mit Kopftüchern passen ebenso in die Kategorie wie Revolutionäre, Terroristen, Bilderstürmer und Selbstmordattentäter.

Aber bloß, weil Menschen ihre Körper durch Stoffe oder ihre Gesichter durch Bärte verhüllen oder weil sie einen Staat bauen wollen, der auf religiösen Werten basiert, haben sie noch nicht verdient, in eine Schublade mit Bomben werfenden Kriminellen gesteckt zu werden.

Eine Trennung zwischen Politik und Religion als erstrebenswertes Ideal ist ein westliches Konzept, das – wie andere westliche Normen auch – für eine beträchtliche Anzahl von Angehörigen des Islam nicht sonderlich attraktiv ist.

Ganz im Gegenteil, dass das Religiöse einen konzeptuellen Rahmen für das Politische liefert, ist nun die Hoffnung vieler. Aber innerhalb dessen werden sehr wohl Werte angestrebt, die auch mit westlichen kompatibel sind wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, gute Regierungsführung: Statt Zensur die Freiheit der Rede, statt Privilegien einiger Partizipation aller, statt Diktat von oben breite öffentliche Diskussionen. Bei den Demonstrationen von Rabat über Damaskus bis Sanaa wurden genau diese Worte und Werte auf Transparenten geschwenkt – auch von Menschen, die sich dabei dem Islam verpflichtet fühlen.

Dessen ungeachtet wird eine Politik, die auf religiösen Inhalten aufbaut, in europäischen Medien der Kategorie Islamismus zugeordnet. Und das klingt sofort wie eine Beschuldigung, wenn nicht wie ein Verbrechen.

Dabei gibt es in Europa ebenfalls Parteien, die den Glauben in ihre Programme integrieren, wie etwa CDU, CSU oder in Österreich ÖVP. Würde man ihnen die gleichen Sprachmuster überstülpen wie Institutionen in islamischen Ländern, dann fielen ihre Mitglieder in die Kategorie Christianismus. Und jene Vertreter der katholischen Kirche, die gesellschaftliche Entwicklungen und Bedürfnisse der Gläubigen ignorieren, die Frauenordination, Geburtenkontrolle, Scheidung, Sexualität außerhalb der Ehe und Gleichstellung von Homosexuellen ablehnen? Niemand kommt auf die Idee, diese Männer als Katholizisten zu definieren.

Im Übrigen ist der Begriff Islamismus recht jung, entstand irgendwann nach 9/11, vorher wurden die gleichen Personen und Gruppen in der Schublade Fundamentalismus abgelegt. Da hat ein Unwort das andere abgelöst, was immerhin zeigt, dass die Neueinführung von Begriffen machbar ist. Wünschenswert wäre aber eine Differenzierung. Die deutsche Sprache ist reich an Adjektiven, auch zur Beschreibung gesellschaftspolitischer Strömungen. Man könnte sie verwenden. Da wäre etwa: extremistisch, fanatisch, radikal, reaktionär, traditionalistisch, konservativ, rückständig, fortschrittlich, moderat, liberal, modern, aufgeschlossen, progressiv, avantgardistisch, zukunftsorientiert. Zukunftsorient, das sind die islamisch geprägten Geisteshaltungen, die den arabischen Frühling mithervorgebracht haben, und nicht islamistisch.

Natürlich bedeutet es journalistische Knochenarbeit, jeweils zu recherchieren, wo genau eine Person oder Gruppe zu verorten ist. Natürlich ist es viel einfacher ein Stereotyp zu bedienen, als es zu zertrümmern. Es läge aber auch in der journalistischen Verantwortung, durch Differenzierung vorläufig lieber ein bisschen Verwirrung zu stiften, als an der Konstruktion eines Kollektiv-Feindbildes Islamismus mitzuwirken.

Der Beitrag wurde am 8. 8. 2012 im Magazin Politikum bei WDR5 gesendet.

Ingrid Thurner

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