Was wir aus der Kopftrophäen-Debatte lernen könnten

Der Kommentar erschien am 12. 12. 2017 in der Wiener Zeitung.

Nicht nur die Toten verdienen Respekt, sondern auch die Lebenden – und zwar alle, unabhängig von Herkunft und Religion.

Gegenwärtig wird darüber diskutiert, ob man die menschlichen Überreste, die bisher als Kunst und Ethnographica betrachtet wurden, aus den Auktionshäusern und Schaukästen der endlich umbenannten Völkerkunde-Museen entfernen soll oder nicht. Dabei wird argumentiert, dass Leichenteile aus Pietät und aus Respekt dem Tod und dem Verstorbenen gegenüber nicht mehr verkauft und ausgestellt werden sollten, auch um rechtsextremen Umtrieben und Ansichten keinen Vorschub zu leisten.

Es wird also nun ausgiebig moralisiert über geografisch und zeitlich weit entfernt liegende (Un)Taten, für die niemand mehr haftbar zu machen ist, weder für mutmaßliche Morde vor Jahrzehnten und Jahrhunderten (nicht alle präparierten Schädel aus allen Weltteilen basieren auf Gewalt), noch für deren Akquirierung in einer Sammlung.

Vielleicht sollte man ja verschiedene pietätlose und diskriminierende Sachverhalte nicht mischen, die ursächlich nichts miteinander zu tun haben. Ethisch bestehen aber sehr wohl Zusammenhänge, wenn es darum geht, wie man mit Fremdem und als fremd Definiertem umgeht. Müsste jener Aktivismus, der sich für die Entfernung toter Körperteile aus Museen stark macht, sich nicht auch darüber empören, wie über lebende Menschen geschrieben und geredet wird?

Auffallend ist, dass die Schädeltrophäen großes Medienecho hervorrufen, aber andererseits Boulevard-Blätter und politische Parteien unentwegt lästern und sticheln dürfen gegen alle, die irgendwie fremd, ausländisch, anders sein könnten, ohne dass ernsthafte Einsprüche dagegen erfolgten, geschweige denn gesetzliche Maßnahmen. Eine Zeitung darf eine Schlagzeile verfassen wie „‘Asylanten‘ mehr gefürchtet als Keime“.

Die FPÖ, eine mutmaßliche künftige Regierungspartei, hetzt in einer Presseaussendung wegen angeblicher „skandalöser Zwangsislamisierung“, weil die in Niederösterreich lebenden Kinder mit Sprache, Liedern, Festen und Speisen aus anderen Weltgegenden bekannt gemacht werden. Bildungsplaninhalte, die Diversität berücksichtigen und fördern, sind aber das Sine-qua-non einer transkulturellen Pädagogik, die einer Gesellschaft angepasst ist, deren Mitglieder verschiedener Herkunft, Geschichte und Religion sind. Nur durch Wissen kann Differenz zu wechselseitigem Verständnis und zu gemeinsamen Lern- und Erfahrungsprozessen aller im Lande lebenden Menschen führen.

Zugleich bedient sich die FPÖ der (a)sozialen Medien für ihre zynische Bildpolitik. Sie lässt Fotos zirkulieren mit einer Tschador-verhüllten Landeshauptfrau, die als „Moslem-Mama“ bezeichnet wird, was als Schimpfwort gemeint ist. Diese Hetze gegen alle, die nach dem Kriterium der Religionszugehörigkeit als fremd und anders definiert werden, ist integrationshemmend und gefährdet den sozialen Frieden im Lande. Wie ist es in einer westlichen Demokratie möglich, dass eine Partei, in deren Namen solche Äußerungen getätigt werden, als regierungstauglich gilt?

Fremd ist also nicht gleich fremd. Die Welt scheint so widersprüchlich wie nie zuvor, und die verschiedenen Maßstäbe, nach denen moralisch bewertet wird, ebenso. Es droht eine Entwicklung zurück in finstere Zeiten der offenen Entmenschlichung aller Nichtweißen.

Ingrid Thurner

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