Wenn „Kluge Köpfe“ weniger kluge Artikel verfassen: Mitteleuropa-Klischees im „Standard“

Sehr geehrte Standard-Redaktion,

der Standard behauptet in seiner Werbung gerne, eine „kluge Zeitung für kluge Köpfe“ zu machen. Immer wieder ist in Artikeln und Kommentaren das Selbstverständnis herauszulesen, eines der letzten freien „gallischen Dörfer“ in einem von Leserbriefkampagnen und vom Boulevard dominierten Land zu sein. Zu Recht ist der Standard stolz darauf, (mehr oder weniger) kritische und objektive Berichterstattung zu machen.

Vor allem in puncto Integration und Rassismus-Aufklärung gibt es immer wieder beispielgebende Berichterstattung. In Zeiten, in denen „Ausländer-„ oder „Islamdebatten“, „Döner-Morde“, deutsche „Numerus-Clausus-Flüchtlinge“ oder „Ostbanden“ die Schlagzeilen und Leserbriefseiten beherrschen, ist das ein Grund, erfreut zu sein. Wenigstens ein Medium, in dem komplexe soziale Situationen und Prozesse nicht grob verallgemeinert werden.

Und dann so etwas: In „Geschichten aus dem neuen Mitteleuropa“ übernimmt Josef Kirchengast (Standard, 24. 11. 2009) unkommentiert und unreflektiert die verallgemeinernden und abwertenden Zitate seines Interviewpartners des „Ost-Unternehmers“ Gerhard Glinzerers über seine Arbeiter und Arbeiterinnen: „Die Slowenen“ seien fantasielos wie „die Steirer“; „die Rumänen“ verkauften ihre Arbeitskleidung auf dem Schwarzmarkt; die alte Generation werde man nicht mehr ändern und überhaupt: die „guten“ Rumänen gehen ins Ausland, „was übrig bleibt, ist das Mittelmaß.“ Als Schlusssatz schließlich das wörtliche Zitat Glinzerers über Kontrollbesuche in seinen Firmen: „Die Slowenin arbeitet ohne Reaktion weiter. Die Polin hört mit der Arbeit auf und lächelt mich an, bis ich vorbei bin.“ Solche stereotype Aussagen in Standard-Interviews sollten zumindest kommentiert werden und nicht widerspruchslos gedruckt werden. Gerhard Glinzerers Aussagen sind vollständig subjektiv und spiegeln nur seine Wahrnehmung wider. Was das mit der Realität zu tun hat? Wer weiß.

Hier fehlt die Recherche: Ein Blick in ein, zwei Bücher (etwa in den von Kristina Werndl herausgegebenen Sammelband „Rumänien nach der Revolution. Eine kulturelle Gegenwartsbestimmung“) hätte genügt. Dem Artikel hätte es nicht geschadet.

Derart verallgemeinernde und stereotypisierende Aussagen, wie sie im Artikel unkommentiert wiedergegeben werden, setzen Menschen herab, weil sie sie mit ihren Unterschieden über einen Kamm scheren.

Beiträge wie diese schaffen neue Klischees und „Wahrheiten“. Was herauskommt, ist eine weitere Stärkung von HC Strache und anderen „Hasspredigern“ – und noch mehr Gift in „der“ Gesellschaft.

Mit freundlichen Grüßen

Mag. Igor Eberhard

Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung

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