Wie kommen Sie dazu, solche Fragen zu stellen?

Beschämende Interviewpraktiken in der ZIB 2, 20. Juli 2010

Brief an die Redaktion der ZIB 2 zum Interview von Eugen Freund mit Auma Obama in der ZIB 2 am 20. Juli 2010

Sehr geehrte Redaktion,

Mit wachsendem Unbehagen habe ich vorgestern Abend das Interview von Eugen Freund mit Auma Obama verfolgt. Zunächst erläuterte Frau Obama verschiedene Situationen und (Lebens-)Umstände, in denen Menschen besonders von Aids betroffen sind. Sie verwies auf die schwierige Situation von Frauen, die sehr jung verheiratet werden und nicht die Möglichkeit haben, zu erfahren, wie man sich als Frau vor der Krankheit schützen kann.In dem Moment, als Auma Obama bemerkte, „dass man dann als Frau keine Stimme hat“ wurde sie von Eugen Freund unterbrochen.

Nicht, um nachzuhaken, eine Frage zu stellen, mehr darüber zu erfahren, wie Aids in Kenia, wo sie lebt, bekämpft wird, oder mit welchen Schwierigkeiten Hilfsorganisationen wie CARE, bei der sie arbeitet, zu kämpfen haben.
Nein, der Journalist unterbrach sie, um zu erzählen, dass die Tochter einer afroamerikanischen Familie, die er in Los Angeles interviewt hatte „natürlich schon ein Baby hatte“. Das „natürlich“ rechtfertigte Freund gegenüber der nachfragenden Obama damit, dass es eben „leider so sei“, in ärmeren schwarzen Schichten. Er hätte diese Familie gefragt, warum sie sich denn nicht vor Aids schützen würden. Nach der Erzählung des Journalisten hätte die Familie ihn daraufhin „verständnislos angesehen und ihn gefragt, wie er dazu kommt eine solche Frage zu stellen“.
Schließlich fragte Herr Freund seine Interviewpartnerin noch, ob es „besonders schwierig“ sei, „in afroamerikanischen oder überhaupt in afrikanischen Familien safe sex zu betreiben?“

Diese Art von Fragen impliziert eine rassistische Argumentationsweise: in afroamerikanischen Familien sei es „natürlich“, dass Teenager Kinder haben; „afroamerikanische und afrikanische“ Familien seien – aufgrund welcher Faktoren? – quasi unfähig, sich vor Krankheiten wie HIV zu schützen.

Allein eine solche Frage offenbart Stereotype seitens des Fragenden, was Frau Obama auch souverän aufzeigte. Sie betonte, dass das ausschlaggebende Problem in Bezug auf Aids die Armut sei. Daher gehe es primär um Aufklärung von armen Menschen, seien sie „schwarz, weiß, gelb, grün oder orange“.

Ich bin der Meinung, dass sich Herr Freund mit seinen Fragen und Anmerkungen selbst disqualifiziert hat. Er ging auch im gesamten Interview kaum auf die Gesprächspartnerin oder auf den konkreten Kontext, in dem sie lebt und arbeitet, ein.
Frau Obama hat die Vorurteile, die Unwissenheit (und rassistischen) Töne des Interviewers hervorragend bloßstellt.
Das Interview war aber leider ein Anlass für exzessives „Fremdschämen“ und Entsetzen darüber, was der ORF offenbar unter einem „Exklusivgespräch“ versteht.

Es wäre wirklich wünschenswert, dass Berichte und Interviews von JournalistInnen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Österreich nicht derart von Stereotypen strotzen würden und sich JournalistInnen besser auf ihre Themen und GesprächspartnerInnen vorbereiten würden.

Mit der Hoffnung, dass Sie die Anregung aufnehmen beziehungsweise in der Redaktion diskutieren

verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,

Mag.a Maja Sticker, Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung, www.univie.ac.at/tmb

Antwort von Eugen Freund, 22. Juli 2010:

Sehr geehrte Frau Sticker,

Vielen Dank für Ihr Mail, das Ihr grosses Interesse an der ZIB 2 dokumentiert. Es wird Sie aber nicht überraschen, dass ich mit dem Inhalt nicht übereinstimmen kann. Mir Steroetypie, also nichts anderes als Rassismus vorzuwerfen, als jemand, der 12 Jahre in den USA gelebt und dort diese Art der Diskriminierung miterlebt und auch immer wieder darüber berichtet hat, ist absurd. Mich überrascht insbesondere, dass Sie als jemand, die sich offenbar mit Medien etwas genauer befasst als der Durchschnitt der Bevölkerung, nicht in der Lage sind zu beurteilen, ob ein Gespräch so abgelaufen ist, wie Sie es dann am Bildschirm sehen oder ob es nicht vielleicht – wie wir das in 99 von 100 Fällen tun – aus Zeitgründen gekürzt wurde. Natürlich bin ich Frau Obama bei der ersten Antwort nicht ins Wort gefallen, sondern habe sie ausreden lassen und dann die nächste Frage gestellt, und dann die übernächste – und schließlich die Frage, die dann wieder zu sehen war.

Was nun die Thematik der Praktizierung von „safe sex“ betrifft, die ich mit dem Beispiel der afro-amerikanischen Familie illustriert habe, die ich vor rund 20 Jahren interviewte, so stehe ich dazu (aber nicht, weil ich zu blöd bin, darin den „Rassismus“ zu erkennen, sondern, weil ich wahrscheinlich im Unterschied zu Ihnen in den USA die Diskussion über „teenage pregnancy“ sehr genau mit verfolgt und erlebt habe: Statistiken aller angesehener Institutionen belegen leider, dass in ärmeren schwarzen Schichten dieses Problem nicht in den Griff zu bekommen ist – ohne dass diese Organisationen deshalb als „rassistisch“ gebrandmarkt werden.) Ich darf mir erlauben, Ihnen dazu zwei kurze Auszüge aus öffentlich zugänglichen Artikeln zu übermitteln:

Teen pregnancy rates vary widely by racial/ethnic group. While teens of all races have experienced steady declines in pregnancy rates since the1990s, African Americans (154 per 1,000) and Latinas (140 per 1,000) have higher rates than their white counterparts. (Henry J. Kaiser Family Foundation, a non-profit providing information on health care issues).

Of more than 1 million people living with HIV in the United States of America today, around half are black. And yet, as a racial group, African Americans represent just 12% of the US population. Poverty can also force people, particularly women, to use sex as a form of payment or as a way to earn money. A study by the National Campaign to Prevent Teen Pregnancy 20 found that a significant number of young black women partake in ‘transactional sex’ relationships with older men to secure gifts, money or greater financial security.

Wahrscheinlich hat ihr „Fremdschämen“ auch meine letzte Frage ausgelöst, die sich auf die Tatsache beruft, dass Frau Obama die Schwester des US-Präsidenten ist. Sie werden mir vielleicht zustimmen, (wenn Sie die Medienlandschaft der letzten 10 Jahre auch nur oberflächlich betrachtet haben), dass der Zug in Richtung Oberflächlichkeit und „Society-Driven“ unübersehbar ist. Es gibt bei dieser AIDS-Konferenz wahrscheinlich hunderte Experten, die zumindest so gut informiert sind wie Frau Obama – die aber leider nicht „Obama“ heissen und daher niemanden interessieren – das hat nichts, aber schon gar nichts mit „Rassismus“ zu tun. Ich hätte jedenfalls einer Schwester von „Bill Clinton“ die gleiche Frage gestellt, und niemand hätte gesagt, was für ein Rassist. Und wenn die Schwester von Bill Clinton auch noch deutsch spricht, umso besser (aber nicht, weil ich mir das wünsche, sondern weil ich schon so lange im Geschäft bin, dass ich weiss, wenn ein Interview auf Englisch – oder gar Französisch – geführt wird, sind die Chancen, dass man dafür knapp vier Minuten Sendezeit bekommt, minimal). Aber ich weiss: jemanden als Rassisten zu bezeichnen ist jedenfalls einfacher als sich Gedanken über das mediale Umfeld zu machen.

Mir ist auch eine weitere Feststellung wichtig: ich weiss nicht, ob Ihnen der Unterschied zwischen einem Kommentar und einem Interview bewusst ist -bei einem Interview hat jedenfalls der ausgewählte Gesprächspartner i m m e r die Gelegenheit, auf den Fragesteller zu reagieren oder ihn – im schlimmsten Fall – zurecht zu weisen, oder – noch schlimmer, aber auch schon geschehen – aufzustehen und das Interview abzubrechen. Die Passagen, in der ich sozusagen „zurecht gewiesen“ wurde (so sie als solche empfunden worden sind), habe ich auch nicht herausgeschnitten. Frau Obama ist nämlich nicht nur eine äußerst intelligente, sondern auch selbstbewusste Persönlichkeit, die mit kontroversiellen Fragen durchaus umgehen kann. Im Unterschied zu Ihnen ist sie mit der Thematik gut vertraut und hat mir daher auch nicht eine Sekunde – auch nicht beim Abschied – zu verstehen gegeben, dass sie mit dem Tenor des Interviews unzufrieden war. Und darauf kommt es mir auch an. Aber ich weiß – vom Schreibtisch betrachtet sieht oft alles ganz anders aus.
Mit besten Grüssen

Eugen Freund

4 Kommentare

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  1. Mathilde

    Vielen Dank für den Kommentar. War erstaunt – und beschämt -, dass dem oftmals sonst so profunden Eugen Freund so was „passieren“ konnte.

  2. Alexander Pollak

    Also ich fand das Interview sehr gelungen – und zwar gerade weil Eugen Freund seine Vorurteile mit ins Spiel gebracht hat. Denn damit hat er Obama die Möglichkeit eröffnet, auf seine Vorurteile zu reagieren und sie zu widerlegen. Das hat für mich den Reiz des Gesprächs ausgemacht. Ich denk mir, dass Bewusstseinsbildung im Endeffekt nur durch solche Konfrontationen zwischen Vorurteil und Gegenstatements stattfinden kann.
    In einem Punkt kann ich Freund allerdings auf keinen Fall zustimmen: Dafür, dass die Menschen hierzulande nicht mit dem amerikanischen Debattenkontext vertraut sind und daher so ein Gespräch anders wahrnehmen als es Menschen in den USA tun würden, dafür muss Freund die journalistische Verantwortung übernehmen, denn schließlich produziert er für ein österreichisches Publikum und nicht für ein amerikanisches.

  3. Mathilde

    Also, ich denke nicht, dass ein Beitrag wie dieser zu einer Bewusstseinsbildung beim Publikum beitragen kann. Vielleicht wars von Freund so gemeint, angekommen ist das aber sicher nicht. Zum einen werden die Themen ungeschützter Sex und Teenager-Schwangerschaften quasi ethnisiert („hatte natürlich schon ein Baby“, „weil es leider so ist … in den ärmeren schwarzen Schichten), zum anderen unterstellt er der von ihm interviewten Familie implizite auch Naivität („haben mich also mit Riesenaugen angesehen“, „hat man mich total verständnislos angeschaut“, etc.). Solche Aussagen sind m. E. eher dazu angetan, beim Publikum potenziell schon vorhandene Vorurteile zu bestätigen und nicht abzubauen.
    Im Übrigen läuft auch Freunds Produktions-Rechfertigungsargument ins Leere, denn die ZiB2 ist ja ans allgemeine – „durchschnittliche“ – Publikum gerichtet und wenn man diesem unterstellt, die Lage nicht genauer beurteilen zu können, dann müsste dem eigentlich Rechnung getragen werden.
    Aber vielleicht bin ich einfach nur zu pessimistisch, die vielen Reaktionen auf den Beitrag lassen zumindest ein wenig hoffen…

  4. Robert

    Also, ich bin ehrlich gesagt vor Allem über den Ton in der Reaktion von Herrn Freund schockiert. Eine Kritikerin in einer persönlichen Antwort auf ihre Kritik so liderlich und wiederholt zu diskreditieren („im Unterschiedzu Ihnen ist sie mit der Thematik vertraut“, „mich überrascht, dass sie nicht in der Lage sind zu beurteilen“, „weil ich im Unterschied zu Ihnen … die Diskussion … genau mit verfolgt … habe“, „jemanden als Rassisten zu bezeichen … ist jedenfalls einfacher, als sich Gedanken … zu machen“), finde ich niveaulos. Ich dachte, Herr Freund hätte durch seine – mehrfach von ihm erwähnte – langjährige Erfahrung, mehr Geschick und Gelassneheit im Umgang mit Kritik und müsste sich nicht des peinlichen Kunstgriffs bedienen, sein Gegenüber kleiner zu machen, um selbst grösser zu wirken. Schade und enttäuschend.

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