Wie uns Statistiken die Bildungsdiskussion erklären

Sehr geehrte Presse-Redaktion,

mein Kommentar bezieht sich auf folgende Beiträge:

StudentenProteste: „Schluss mit Elitebildung“ – Online vom 17.11.09
(http://diepresse.com/home/bildung/universitaet/522318/index.do?_vl_backlink=/home/bildung/universitaet/516801/index.do&direct=516801)

Studenten sind für Proteste, Ideologie ist aber unwichtig – Online vom 17.11.09
(http://diepresse.com/home/bildung/universitaet/522120/index.do?_vl_backlink=/home/bildung/universitaet/516801/index.do&direct=516801)

In Ihren Beiträgen über die Studentenproteste zitieren Sie eine Umfrage des Institutes für Jugendkulturforschung. Leider wirkt diese nicht gerade erhellend, sondern spaltet die Studierenden in BefürworterInnen und GegnerInnen des Streiks. Besondere Verwirrung scheint die Tatsache zu verursachen, dass es keine einheitlichen Forderungen gibt, sondern viele verschiedene, die sich auch widersprechen. Aber geht es nicht genau darum in einer Demokratie? Eine Darstellung der verschiedenen Lebenswelten und Bedürfnisse könnte zur Bildungsdiskussion wesentlich mehr beitragen, als die Reduktion auf zwei Lager. Die Komplexität sozialen Zusammenlebens sollte innerhalb der Medien ausreichend behandelt werden. In den genannten Artikeln Artikeln kommen Lehrende nur am Rande vor, aber auch sie klagen über die Arbeits- und Lehrbedingungen.

Vergessen scheint zu sein, wie externe LektorInnen durch das UG02 ohne medizinische Absicherung da standen. Nur hinter vorgehaltener Hand erfährt man wie es ist, drei Monate unbezahlt an Forschungsanträgen zu sitzen, ohne Garantie, dass diese bewilligt werden; wie es ist, sich mit etwa 40 Jahren zu habilitieren und maximal einen Vertrag für sieben Jahre zu bekommen; und danach – wie beispielsweise im Fall der Kultur- und Sozialanthropologie – ins Ausland wechseln zu müssen. Österreich ist eines von vielen Ländern, die am „Brain Drain“ leiden, der Abwanderung von hellen Köpfen. Wieso schafft es Österreich nicht, zum Magnet für internationale Spitzenkräfte zu werden, wie es einst im Bereich der Medizin oder der Architektur gewesen ist?

Studienrichtungen als „Orchideenfächer“ zu disqualifizieren, ist bei der Erörterung der Problemlagen genauso kontraproduktiv wie die aktuelle Hetze gegen deutsche StudentInnen in den Medien.
„Dass viele Deutsche an den heimischen Unis studieren, ärgert übrigens nur 17,8 Prozent.“

Ich bin deutscher Staatsbürger, der sich seit zehn Jahren in Österreich aufhält. Ich frage mich wirklich, warum ich mich plötzlich dafür rechtfertigen muss. Rechtlich habe ich natürlich die Möglichkeit, die Staatsbürgerschaft zu wechseln. Vorziehen würde ich aber eine differenziertere Berichterstattung, die Menschen nicht aufgrund ihres Passes in einen Topf wirft und unterstellt, dass sämtliche „Deutsche“ nur als Bildungsflüchtlinge ins Land kommen. Darin verschwimmen auch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland und den Personengruppen, die es sich leisten können z.B. in Wien zu leben und die die es nicht können. Statistiken sind nicht selbsterklärend, da sie wie in diesem Fall ein Großteil der sozialen Komplexität reduzieren.

Es bedarf also immer einer genauen Erläuterung, was denn statistisch gemessen wird und worüber man eine Aussage treffen kann. Da dies hier nicht geschieht, bleibt nur zu sagen, dass diese Darstellung neben unterschiedlichsten Lebenswegen auch die vorhandene Bildungsselektion in Österreich ignoriert. Wieviele Kinder aus Arbeiter- und Migrantenfamilien studieren denn? Dass diese Personengruppe sich ohnehin gegen wohlhabenderes Bürgertum durchsetzen müssen wird nicht thematisiert. Wer genau sind die Deutschen und ÖsterreicherInnen, um die es hier geht? Wer gewinnt und wer verliert in diesem Spiel um Studienplätze?

Eine weitere Frage ist die der Studierendenmobilität, die in man durch den Bologna-Prozess erreichen wollte. Wo sind die Grenzen dieser Mobilität, die auch von Österreich gefordert wurde? Das könnte man u.a. bei jenen „Deutschen“ fragen, die vom Arbeitsamt in die Touristengebiete vermittelt werden. Zum einen werden diese ArbeitsmigrantInnen wegen einem gewissen Arbeitsethos geschätzt, während sie auf der anderen Seite als „die Deutschen“ ausgegrenzt werden, die wiederum heimische Arbeitsplätze okkupieren.

Umso gekonnter umgesetzt finde ich die Werbeeinschaltung der Donau Universität Krems, die „Sichere Jobs dank Internationalität und praxisorientierter Hochschulausbildung“ garantiert. Besser kann man die herrschenden Widersprüche nicht auf den Punkt bringen.

Mit freundlichen Grüßen
Frank Broszeit

Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung

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