Zu viel Zuwanderung? Mit Informationen gegen Mythen

Sehr geehrte Redaktion der Wiener Zeitung, sehr geehrter Herr Wotke!

Vielen Dank für Ihren Artikel „Eine magische Zahl“ vom 27. August 2015 in der Wiener Zeitung, der wichtige Informationen zur Einwanderungsgeschichte vermittelt. Angesichts der derzeitigen Hasspostings und negativen Meinungsmache in sozialen Medien sind solche Artikel, die darauf hinweisen, dass der österreichische Sozialstaat (und nicht nur der!) von Zuwanderung prinzipiell profitiert, von großer Bedeutung. Allerdings liegt darin auch die Gefahr, die Zugewanderten nur unter dem Aspekt ihrer Nützlichkeit für Österreich zu betrachten – ein Standpunkt, der generell kritikwürdig ist, aber ganz besonders beim Thema Asyl hinterfragt werden sollte.

Wünschenswert wäre daher eine stärkere Differenzierung zwischen Asyl und Migration. Bei Asylsuchenden handelt es sich um Personen, die aufgrund von Krieg, Not, ethnischer, politischer, religiöser, oder sexueller Verfolgung nicht in ihren Herkunftsländern verbleiben können und Schutz in einem anderen Land suchen müssen. Die Aufnahmeländer sind verpflichtet, diesen Personen Schutz zu bieten – sowohl aus rechtlichen Gründen (nach der Genfer Flüchtlingskonvention bzw. der Qualifikationsrichtlinie 2011/95/EU der europäischen Union), als auch aus humanitären Erwägungen.

Sehr erfreulich ist aus Sicht der Kultur- und Sozialanthropologie, dass die Problematisierung einer angeblichen kulturellen Ferne von Manfred Prisching („Wenn wir eine hohe Zuwanderung aus kulturell entfernten Gegenden haben – nehmen wir an: mehr als 100.000 Personen pro Jahr –, dann ergibt das, über die Jahrzehnte gerechnet, ein kulturelles Problem.“) in Ihrem Artikel nicht unwidersprochen bleibt, sondern mit mehreren Aussagen kontrastiert wird. Es ist dabei zu hinterfragen, was mit kultureller Nähe oder Ferne gemeint ist – die Religion? Das Einkommen? Der Bildungsstand? All das ist auch innerhalb Österreichs nicht einheitlich.

Wichtig ist es, Strukturen zu schaffen, die eine soziale Integration ermöglichen, also eine Teilhabe aller an der Gesellschaft. Dann ergibt Zuwanderung auch in ein paar Jahrzehnten sicherlich kein „kulturelles Problem“, sondern eine lebendige und sich ständig in Diskussion weiterentwickelnde Gesellschaft. Insofern ist dem in Ihrem Artikel ebenfalls zitierten August Gächter nur zuzustimmen: Mit Kultur kann man alles erklären und nichts. Statt ein „kulturelles Problem“ heraufzubeschwören wäre es wichtig, Diskriminierungen abzubauen und eine offene Gesellschaft zu fördern.

Anna-Sophie Tomancok, BA
Mag.a Heidemarie Weinhäupl
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung, Universität Wien

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail wird nicht veröffentlicht.

(erforderlich)
(erforderlich)