Zur Anonymität im Web 2.0

Echtnamen schützen vor Bosheit nicht

Gastkommentar, erschienen in Der Standard, Print-Ausgabe 24.08.2011

Seit den Gräueltaten in Norwegen wird wieder verstärkt gefordert, in den Diskussionsräumen des Web 2.0 die Anonymität abzuschaffen. Da wird von der Annahme ausgegangen, dass nicht nur die islamfeindlichen Exzesse rechtspopulistischer Parteien, sondern auch die Hasstiraden in Blogs und Postings den Boden dafür bereitet haben – und dass bei Zwang zu Echtnamen die Schamgrenze steigt und die Bereitschaft zu beleidigendem Gekeife sinkt.

Insbesondere eine Generation 50+ möchte anonyme Postings so behandeln wie seit Menschengedenken anonyme Briefe: sie nicht beachten. Gleichzeitig wird mehr Kontrolle der virtuellen Plattformen durch deren Verantwortliche gefordert.

Aber die Sinnhaftigkeit der Anonymität wird nicht nur deutlich im Extremfall des politischen Blogs in repressiven Systemen, wo Echtnamen die ganze Bewegung in Gefahr brächten, weil Regierungsschergen das Portal samt denen, die es mit Inhalten bestücken, mundtot machen würden.
Wie die Nutzungspraxis aus ganz normalen Lebenswelten zeigt, würde bei Zwang zur Namensnennung das Web 2.0 nicht nur seinen Charme, sondern über weite Strecken auch seine Existenzberechtigung verlieren. Denn bei allen Freiheiten einer aufgeklärten Gesellschaftsordnung verbleiben noch eine Menge Tabuthemen.

Zuweilen lassen es biografische Lebensabschnitte wünschenswert erscheinen, sich schlau zu machen beispielsweise über Menstruations- oder Klimakteriumsbeschwerden, Abtreibungen, Sexualität in welcher Form auch immer, Alkoholismus, Spielsucht, jegliche Krankheit sowieso, Strafdelikte. Aber selbst, wer sich bloß in einem Forum für Modelleisenbahnbau herumtreibt oder im sozialen Netzwerk der Pets die Identität seiner Katze annimmt, will mitunter verhindern, dass Nachbarschaft, Vorgesetzte oder gar die Kinder auf Grund eines dummen Zufalls mitlesen.

All diese unschätzbaren neuen Möglichkeiten sich zu informieren und auszutoben gingen bei Preisgabe der Anonymität verloren – ohne dass Rechtsextremismus, Rassismus, Terrorismus oder singuläre Gewaltakte verschwänden.

Ohnedies ist die Anonymität bloß Fiktion und falls erforderlich leicht zu knacken. Zudem sind die rechtspopulistischen Parteien Europas ganz ohne Wahrung der Anonymität groß geworden. Auch in sozialen Netzwerken verwendet man Echtnamen, und doch passieren dort schaurige Dinge, werden Leute gemobbt, Minderheiten verhetzt, Religionen verulkt, Gläubige diskriminiert.

Bleibt also Zensur?

Studiert man die Foren einiger der edlen Blätter im deutschsprachigen Raum, stellt man fürs Erste fest, dass das Benehmen dort entschieden besser ist als in jenen der einschlägigen Boulevardzeitungen. Insbesondere in den Kommentaren der FAZ, die Klarnamen bei den Postings fordert, ist manchmal ein fast krampfhaftes Bemühen um Korrektheit feststellbar.
Bei genauerer Betrachtung beispielsweise mittels eines diskursanalytischen Verfahrens findet man allerdings schnell heraus, dass islamfeindliche Positionen keine Frage der Anonymität sind, dass sie aber bei dem rücksichtsvollen Ton, der in diesen Blättern gepflegt wird, besonders gut zur Geltung zu bringen sind. Was da alles höflich verpackt an Gemeinheiten daherkommt und die Kontrollfilter passiert, ist erstaunlich.

Mehr Überwachung erfordert demnach von den Diskutierenden mehr Fantasie und sprachliches Geschick, vermindert Pöbeleien, verhindert sie aber nicht gänzlich.

Die Lösung kann demnach nur in der Schaffung eines gesellschaftlichen Klimas liegen, das Rassismen unnötig macht, in dem eine Gesprächskultur gedeiht, die Diskriminierung nicht akzeptiert. Alle politischen Parteien, Medien, Wissenschaften, NGOs, alle Schulen – also jeder einzelne von uns – muss dafür kämpfen.

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