Zur Pieta des Arabischen Frühlings

Zum Kommentar „Die Pieta des ‚Arabischen Frühlings'“ in Die Presse vom 7. 9. 2012 über das zum World Press Photo 2012 gekürte Bild, auf dem eine Jemenitin ihren verwundeten Sohn in den Armen hält.

Wir stimmen mit Ihnen überein, dass das preisgekrönte Pressefoto einen westlichen Blick auf die Vorkommnisse im arabischen Raum offenbart. Aber keineswegs ist diese Frau wegen ihrer Vollverschleierung ihrer Identität beraubt. Sie nennen ja sogar ihren Namen, der weltweit bekannt ist. Welches sprechendere Zeichen der Individualität gibt es als den Namen? Ganz offensichtlich ist die Frau keine unterdrückte arme Weggesperrte, wie man sich hierzulande Musliminnen so gerne vorstellt, sondern eine Aktivistin, die, wie Sie selbst schreiben, im politischen Widerstand engagiert ist. Und dieser westliche Blick – auch hier müssen wir Ihnen widersprechen – sieht nicht „in einer (teilweisen) Wende zum extremen Islam eben lieber einen ‚Frühling'“. Denn erstens liefert dieses Foto keinen Hinweis darauf, dass die abgelichtete Frau Anhängerin eines extremen Islam ist. Und zweitens sieht dieser westliche Blick den Frühling keineswegs „in einer (teilweisen) Wende zum extremen Islam“, sondern vielmehr in einer Wende zu Demokratie und Freiheit und einer Abkehr von Diktatur und Unterdrückung. Dafür hat die Frau gekämpft, und dafür wurde ihr Sohn verwundet. Daher ist dieses Bild, selbst wenn es in einer europäisch-christlichen Bildsprache formuliert ist, sehr wohl auch ein Symbol des Arabischen Frühlings.

Der Leserbrief erschien in Die Presse vom 11. 9. 2012, S. 27.

Ingrid Thurner

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