Zuwanderung in einem christlichen Weltbild

Leserbrief zum Text “Tolerant bis zur Selbstaufgabe?“ von Martin G. Petrowsky in der Wiener Zeitung, Extra, vom 22. 5. 2010, der am 7. 6. 2010 in stark gekürzter Form erschien.

Sehr geehrter Herr Petrowsky, sehr geehrte Redaktion,

bedauerlich, dass sich nun auch die Wiener Zeitung in den Reigen jener einfügt, die auf emotionaler Ebene gegen Einwanderungswillige, Wirtschaftsflüchtlinge und „Asylanten“ Stellung beziehen, wie geschehen in dem Beitrag Tolerant bis zur Selbstaufgabe? von Martin G. Petrowsky, vom 22. 5. 2010.

Da wird als “Tatsache” beschrieben, dass “Wirtschaftsflüchtlinge … meist … weder die nötige fachliche und sprachliche Qualifikation, noch die nötige Lern- und Anpassungsbereitschaft besitzen”. Dem ist entgegenzuhalten, dass so genannte „Wirtschaftsflüchtlinge“, wenn sie offiziell in eine solche Kategorie eingeteilt werden, ohnedies wieder dorthin geschickt werden, wo sie herkommen. Keine Studie kann daher einen solchen Sachverhalt belegen, dies ist keine Tatsache, sondern eine bloße Meinung desjenigen, der sie erfindet.
Derart bietet dieser Text viele Gelegenheiten, Sätze des Vorurteils zu überführen, der Ungenauigkeit, der unbewiesenen Behauptung oder einer bloßen Meinung, die als Tatsache auftritt.

Da steht etwa: “Ihre politischen Führer, die sie oft gerne auswandern lassen, um derart die Arbeitslosigkeit oder ethnische Konflikte im eigenen Land zu mildern …”
Welche politischen Führer in welchen Ländern wären das beispielsweise, und wo wäre es ihnen gelungen?

Für den Vergleich von Moscheen mit Kasernen, den Erdogan nicht “oft” (Petrowsky), sondern im Rahmen einer Rede tätigte, saß er im Gefängnis, er hat sich 1999 davon distanziert. Hiemit soll nicht Erdogan verteidigt, sondern beispielhaft gezeigt werden, wie präzise in dem Artikel zitiert wird.

Es gebe, steht da außerdem, “nur wenige Gründe, die westliche Kultur als anderen Kulturen überlegen zu bezeichnen”. Von den wenigen Gründen wird sogar einer genannt: Unbestreitbar sei “ihre wirtschaftliche Überlegenheit, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen”. Der Reiche ist also dem Armen überlegen. Das schreibt jemand, der von sich behauptet, Christ zu sein. Was Jesus wohl dazu gesagt hätte? Aber das ist noch nicht alles. Diese Überlegenheit gelte es zu erhalten, denn ohne sie gebe es keine wirksame Entwicklungshilfe. Anders ausgedrückt und ganz im Sinne dieses christlichen Weltbildes: Gott erhalte mir die Armen, dass ich Gutes tun kann.

Der „Kampf der Kulturen“ sei “bewusst programmiert und gewollt”, steht da zu lesen. Da stellt sich einerseits die Frage, ob man auch unbewusst eine Schlacht programmieren kann, andererseits sind es genau solche Inhalte, die den berühmten Kampf, der noch nicht ausgetragen wird, herbeibeten. Zeitungen, die sie drucken, machen sich unter dem Vorwand propagierter Meinungsvielfalt zu Handlangerinnen solcher Interessen.

In einem allerdings hat Herr Petrowsky Recht, nämlich dass „Zuwanderer … für (gesellschafts-)politische Ziele missbraucht” werden – beispielsweise im Rahmen solcher Artikel. Jesus dazu: “An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.” (Mt 7, 16). Ein evangelisch-lutherisches Weltbild, das der Autor zu vertreten vorgibt, haben wir von der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung uns bisher weniger hetzerisch vorgestellt und mehr um Versöhnung zwischen Menschen und Religionen bemüht – durch gründliche Analysen und die Bereitschaft zum gegenseitigen Akzeptieren und zum solidarischen Miteinander in einer Welt.

Um noch eine Formulierung von Herrn Petrowsky zu würdigen: „Erstaunlich und schade!“

Ingrid Thurner
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung

Auf diesen Leserbrief antwortete die Wiener Zeitung am  28. 6. 2010:

Sehr geehrte Frau Thurner,

Ihr kritischer Kommentar zu dem Artikel von Herrn Petrowsky im extra vom 22. Mai ist ja in unserer Leserbriefrubrik veröffentlicht worden – und das war mir auch sehr recht. Das meiste, was Sie kritisieren, betrifft – nach meinem Berufsverständnis – nicht mich, sondern den Verfasser, der für seine Darstellung verantwortlich ist. Aber von einer Kritik muss ich mich doch getroffen fühlen, da ich den Artikel zum Druck angenommen habe. Sie steht in dem Satz: „Zeitungen, die sie drucken, machen sich unter dem Vorwand propagierter Meinungsvielfalt zu Handlangerinnen solcher Interessen.“ Dazu möchte ich sagen, dass „Meinungsvielfalt“ in meiner Vorstellung kein „Vorwand“ ist, sondern die Basis einer Beilage wie dem „extra“ – gerade Themen, die in der Gesellschaft kontrovers diskutiert werden, sollten sich in einer solchen Beilage auch kontrovers abbilden. Dass diese Artikel dann „nicht unwidersprochen hingenommen werden“, ist ein durchaus erwünschter Effekt. Allerdings waren die meisten Leser-Reaktionen auf den Artikel von Herrn Petrowsky äußerst zustimmend, was wiederum etwas Wichtiges „abbildet“. Ich hätte nun gar nichts dagegen, dass sich bei einem anderen Beitrag zum Thema diejenigen, die Herrn Petrowsky gelobt haben, eher ärgern, während Sie möglicherweise wieder zustimmen könnten. Eben diese Offenheit, die ja kein Symptom geistiger Bequemlichkeit ist, sondern im redaktionellen Geschäft eher schwer durchzuhalten,  habe ich als Redakteur immer angestrebt – und zwar weil ich finde, dass gerade dadurch eine Zeitung zumindest einigermaßen davor gefeit ist, zur „Handlangerin“ bestimmter Richtungen zu werden. Mag sein, dass das naiv ist. Aber wenn es um sogenannte „Grundüberzeugungen“ geht, werden wir ja alle leicht einmal naiv. Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als zu meiner Naivität „zu stehen“, wie man sagt.

Mit freundlichen Grüßen
Hermann Schlösser

3 Kommentare

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  1. Ben

    Danke für den Kommentar. War geschockt über den Artikel.

  2. Valentine

    sehr guter kommentar. danke.
    ihr solltet den kommentar noch beim online artikel (kommentarfunktion) verlinken.

  3. Hermann Schlösser

    „Auf diesen Leserbrief antwortete die Wiener Zeitung am 28. 6. 2010“:
    Zu dieser Dachzeile möchte ich nur klarstellen, das mein Kommentar keine Antwort „der Wiener Zeitung“ ist, sondern dass es sich hier um eine rein persönliche Stellungnahme von mir handelt.

    Hermann Schlösser

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