Themen & Themennetzwerke

Ob ein politisches Thema auf Twitter tatsächlich Thema ist, ist jeden Tag unterschiedlich: Die 145.356 aufgezeichneten Tweets aus vier Wochen, die wir manuell exakt je einem Thema zuordneten, betrafen in unterschiedlichem Ausmaß österreichische Innenpolitik. In der Untersuchungswoche 3 vom 27.12.11 bis 02.01.12 waren nur 13,4 % der Tweets – im weitesten Sinne – der Innenpolitik zuzurechnen. Ein Großteil dieser Tweets hing dabei mit der Causa „Niko Pelinka“ zusammen, die auf Twitter ausführlich diskutiert wurde. Einen Monat später, in Untersuchungswoche 4 (25.01.12-31.01.12) wurde erstens fast doppelt so viel (28.618 Tweets in W3 vs. 47.207 Tweets in W4) und zweitens weit politischer (26,5 % Innenpolitikanteil) getwittert. Wichtigste Themen in dieser Woche waren „Korruption“ sowie die Ereignisse rund um den „WKR-Ball“.

In Untersuchungswoche 2 (2. – 8. November 2011) stand die Hausbesetzung in der Lindengasse auf der Agenda der österreichischen Twittersphäre, vor allem im Netzwerk der AktivistInnen. Hier ergab sich eine gewaltige Diskrepanz zur Berichterstattung in den Massenmedien, die kaum auf das Thema eingingen (siehe nächster Abschnitt).

Die politische Twittersphäre: Noch mehr Politik-Profis, insbesondere JournalistInnen

Nimmt man alle innenpolitischen Tweets zur Grundlage für eine Netzwerkvisualisierung der politischen Twittersphäre, so tut sich einiges Neues auf: Im Vergleich zum Gesamtnetzwerk der Twittersphäre (siehe Kapitel „Netzwerke der Twittersphäre“) finden sich in diesem Netzwerk weit weniger BürgerInnen. Noch mehr dominieren Politik-Profis, insbesondere JournalistInnen, die Kommunikation. Der (Online-)Standard ist – durch seine vielen twitternden RedakteurInnen – das bestvernetzte Medium. Bei keinem anderen Medienunternehmen gibt es mehr als zwei, maximal drei JournalistInnen, die häufig von anderen adressiert werden. Auffällig ist, dass sich auf Basis der politischen Tweets keine reinen Politik-Profi und BürgerInnen-Cluster ausmachen lassen, sondern dass es eine dichtes Netzwerk aus JournalistInnen und ExpertInnen gibt, an dem auch einige BürgerInnen beteiligt sind, sowie ein etwas loseres Netz aus PolitikerInnen, vor allem von den Grünen, und einer Reihe von BürgerInnen. Zentral zwischen diesen beiden Netzwerkteilen finden sich insbesondere @arminwolf und @michelreimon.

Der TV-Journalist @ArminWolf ist, wie auch im Gesamtnetzwerk, eine zentrale Figur. Insbesondere Politiker der Grünen (@marcoschreuder, @WKogler, @michelreimon, @gebimair, @Gruene_Austria und @chorherr) stehen untereinander und mit BürgerInnen (@fatmike182, @AnChVIE, @Helge, @franzjoseph) im Austausch.

Themennetzwerke: 
Neue Nischen-Twitterer

An den Themennetzwerken zeigt sich, was es bringt, tausende Tweets manuell zu sortieren: Neue NutzerInnen, die im Gesamtnetzwerk bisher eine untergeordnete Rolle gespielt haben, „poppen auf“. Viele der neuen Twitterer sind NischenkommunikatorInnen, die sich auf ein Thema spezialisiert haben. Für TwitternutzerInnen, die sich für ein Thema interessieren, sind diese themenspezifischen Netzwerkgrafiken eine hervorragende Folgeempfehlung.
Wenige JournalistInnen twittern zu Bildungspolitik, dafür aber zahlreiche AktivistInnen der ÖH (@janine_wulz, @dieGRAS) und der #unibrennt-Bewegung (@unibrennt, @infopointaudim). Diese bilden ein eigenes Subnetzwerk mit dem Informationshub @porrporr in ihrer Mitte. @ArminWolf wird weiterhin oft adressiert, auch wenn er sich selten zu Bildungspolitik äußerst. Auch BürgerInnen, insbesondere Studierende haben sich Bildungspolitik an ihre Fahnen geheftet.

Im Themennetzwerk „Korruption“, das bei allen Berufskategorien auf der Agenda ist, taucht ein Kuriosum auf. Neben dem Anti-Korruptionsexperten @HubertSickinger kommunizieren ParlamentarierInnen und MitarbeiterInnen von Parteien, die selbst im parlamentarischen Untersuchungsausschuss sitzen. Zum Beispiel: @stefan_petzner, @heimolepuschitz (BZÖ), @PeterPilzBlog oder @Svjek (ÖVP).
@stefan_petzner tickert sogar Meldungen aus dem U-Ausschuss. Der pseudonym geführte Account @UndSieBewegt retweetet und erwähnt viele der ProtagonistInnen, wird aber selten selbst adressiert.
Das Thema „Finanzkrise in Österreich und Maßnahmen dagegen“ ist auf Twitter kein wichtiges Thema. Wenige JournalistInnen twittern dazu. @rudifussi, der ein Volksbegehren für „mehr Steuergerechtigkeit“ initiiert hat, hat am meisten Tweets abgesendet. Auch das BZÖ ist in diesem Netzwerk auffallend präsent.

Auf Twitter werden Themen mit unterschiedlicher Intensität behandelt. Über linke Themen wie „Bildungspolitik“, „Korruptionsbekämpfung“ oder „die Ereignisse rund um den WKR-Ball“ werden mehr Tweets abgesetzt als über ein Thema wie die Finanzkrise. Doch auch diese Themenkomplexe haben Hoch- und Nebensaison, ganz so wie in traditionellen Medien.
In Themennetzwerken treten Cluster und ProtagonistInnen hervor, die die Netzwerkanalyse der gesamten Twittersphäre nicht zeigt.