Anselm Haverkamp

Gastfreundschaft und Allotria: Anselm Haverkamp in Wien

Mit Anselm Haverkamp war einer der bedeutendsten Vertreter der Dekonstruktion unserer erster Gastvortrag in der VDA. Eine glänzende Eröffnung, nicht nur, weil Haverkamp drei höchst erfolgreiche Graduiertenschulen in den USA und Deutschland geschaffen und geleitet hat (Poetics & Theory, NYU – Repräsentation-Rhetorik-Wissen, Europa-Universität Viadrina / EUV – Lebensformen und Lebenswissen, Europa-Universität Viadrina und Universität Potsdam), die unserer VDA als Vorbild gedient haben. Auch, weil er mit dem Thema Gastfreundschaft und Flucht vorführt, in welcher Weise Geistes- und Kulturwissenschaften sich – jenseits von wohlfeilen Sympathieerklärungen – zu aktuellen und politisch höchst brisanten Gegenständen nähern können. Gastfreundschaft, das zeigte der Vortrag in brillantem Rückgriff auf Derrida, Kant, Sophokles, Aristoteles und Arendt, ist gefangen in einem Dilemma, dem Gast einerseits das eigene Haus zu öffnen (so die Vorschrift des “Gast-Rechts”), andererseits damit die Position des Gast-Gebers und “Herrn des Hauses” in Frage zu stellen, zu erschüttern oder zu unterminieren. Gastlichkeit erfordert eine Un-Eigentlichkeit des (gegenseitigen) Verstehens, sie impliziert ein Un-Verstehen und Mis-Verständnis, das sie zugleich gefährdet und auf die Probe stellt. Genau das nennt Aristoteles das “Allotria” – das Anders-Sprechen – von dem heute noch Allotria im Sinne von “Unfug”, “Albernheit”, “Ausgelassenheit” ebenso abgeleitet sind wie der unsolide “Hallodri”, ein Gast, vor dem man sich zu hüten hat. Der Vortrag zeigt, wie in diesem Fremd-Sprechen, einem notwendigen und unvermeidlichen Aneinander-Vorbei-Reden zwischen den selbsternannten “Heimischen” und den “Fremden” gerade die Potenz stecken könnte, die Aporien der aktuellen Debatten über “Leitkultur”, “Landessprachen”, “kulturelles Erbe”, Identität und Differenz aufzubrechen. Als Germanistin mit Migrationsvordergrund, die nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in den anderen westeuropäischen Sprachen, in Nord- und Lateinamerika und neuerdings in Asien ihre Gegenstände findet – als eine solche Hallodri-Germanistin bin ich immer wieder befremdet von der hiesigen Insistenz auf Nationalliteratur, der Beschränkung auf regionale und nationale Geschichte, der Vorstellung von “nationaler Kunst” als leitkulturellem Fetisch. (Zumal die Nationen häufig sehr viel jünger sind als die Kunst oder die Geschichte(n), die sie neuerdings unter sich subsumieren.) Ein bißchen Geschichtsbewußtsein täte hier einiges Gute, ebenso wie die (schon seit längerem bekannte) Einsicht, dass Literatur immer eine Form des Fremd-Sprechens, des Miß- und Neubrauchens von Worten ist, das gerade von den kulturellen Rändern und Berührungszonen her ergeht.
Allotria wäre ein Begriff für Fremdheit, für Miß-, Anders-, aber eben doch auch Irgendwie-Verstehens, der ohne den nervtötenden Rekurs auf “Identität” oder “Differenz” auskommt. Es ist ein Begriff, der auf Praktiken zielt, auf Performanzen, darauf, wie wir es machen, und nicht so sehr, wer wir (in unseren Augen oder denen der anderen) sind. Sich mit Händen und Füßen, Übersetzern und Pidgin zu verständigen, das scheint – gerade angesichts der inner- und außereuropäischen Flucht- und Migrationsbewegungen – das Gebot der Stunde. Eine “radikale Geduld”, so Derrida, ist dazu nötig, ebenso wie ein Ende des gut gemeinten, aber zutiefst hegemonialen Geschwätzes von Identitäten, Leitkulturen und Integration. Bei Licht betrachtet, sind wir alle kulturelle Hallodris – und die Geschichte dieser verwickelten Sprech- und Wanderbewegungen zu rekonstruieren, wäre die Aufgabe der Geisteswissenschaften.

Anselm Haverkamps Vortrag, ebenso wie ein unveröffentlichter Vortrag von Jacques Derrida über Gastfreundschaft zur Eröffnung des Graduiertenkollegs Repräsentation-Rhetorik-Wissen erscheinen demnächst zusammen mit einigen anderen Beiträgen zu Flucht und Migration in der Zeitschrift Metaphora.

Eva Horn