Tagungsbericht: Rethinking Gender in Historical Research

rethinking-gender-programm-001Vom 5. bis 7. September fand im niederösterreichischen Waldviertel, nahe der Tschechischen Grenze, die von der VDA „Theory and Methodology in the Humanities“ unterstützte, internationale Graduiertentagung „Rethinking Gender“ statt. Drei Tage lang wurde im historischen Ambiente des bezaubernden Renaissanceschlosses Drosendorf über Gender, Weiblichkeit, Männlichkeit, aber auch Agency und Intersektionalität diskutiert. Die fachlichen Unterhaltungen fanden dabei durchwegs jenseits des offiziellen Seminarraums ihre Fortsetzung. Die Themen präsentierten sich wie das Forschungsfeld selbst als äußerst facettenreich. In fünf verschiedenen Panels trafen unterschiedliche Räume, Methoden und Theorien aufeinander, sodass es zu einer ausführlichen Reflexion von Gender und etlichen damit verknüpften Begriffen kam.

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Tagungsort: Schloss Drosendorf, Niederösterreich

Den Startschuss im ersten Panel „Gendered Media“ gab Marianne Leijte (Universidad Autónoma de Madrid) mit einer großartigen Präsentation über ihre Forschungsergebnisse zur Rolle der weiblichen Akteure im Umfeld der Zeitschrift „Ibérica: for a Free Spain“. Darauf folgte Inga Selcks (Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf) spannender Vortrag, in dem sie sich mit der Darstellung von Bäuerinnen in deutschsprachigen Dokumentarfilmen nach dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzte. Anschließend lieferte Justina Smalkyté (Université Paris-Diderot) einen  außerordentlichen Ansatz zur Untersuchung des Holocaustgedenkens in Lithauen.

Im darauffolgenden Panel „Masculinities“ stellte Andreas Enderlin (Universität Wien) interessante, theoretische Überlegungen zur Untersuchung von idealen und normalen Männlichkeiten vor. Ihm folgte Johann Kirchknopfs großartiger Vortrag (Universität Wien) über Strafverfolgung „gleichgeschlechtlicher Unzucht“ während des 20. Jahrhunderts in Österreich. Schließlich präsentiere Simon Walker (University of Strathclyde) aufschlussreiche Forschungsergebnisse zur Konstruktion des maskulinen Ideals von britischen Soldaten im Ersten Weltkrieg.

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Historisches Ambiente

Das dritte Panel handelte von „Gendered Politics“ und wurde von Carlotta De Sanctis (Università Ca’ Foscari di Venezia) in ihrem hervorragenden Vortrag über die Lebensgeschichten von linksorientierten, intellektuellen türkischen Frauen der 1980er eröffnet. Anschließend stellte Gonzalo Vitón (Universidad Autónoma de Madrid) seine fesselnde Forschung über Frauenorganisationen und deren Beteiligung in den afrikanischen Friedensbewegung vor.

Im vorletzten Panel „Gender and War“ stellte Barbara Klaus (Universität Wien) ihre spannende Untersuchung von Darstellungen von Frauen auf Bildpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg vor. Anschließend folgte Gabriela Hackl (Universität Wien) großartige Präsentation über das Frauengefängnis Waldheim in Sachsen in der Weimarer Republik und zur Zeit des Nationalsozialismus.

Das fünfte und abschließende Panel „Marriage and Sexuality“ begann mit Isabella Planers (Universität Wien) höchst inhaltvollem Vortrag über Eherechtsstreitigkeiten in der Diözese St. Pölten während der 1850er und 1860er. Abschließend präsentierte Katharina Lüttich (Georg-August-Universität Göttingen) ihre umfassende Untersuchung von Alimentenforderungen am Göttinger Universitätsgericht im 18. und 19. Jahrhundert.

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Runder Tisch, großartige Diskussionen

Als Keynote hielt Randi Deguilhem (CNRS, TELEMME-MMSH/AMU, Aix-en-Provence) einen informativen Vortrag über das junge Forschungsnetzwerk GenderMed, das sich ausgiebig mit dem Thema „Gender“ im Mediterranen Raum beschäftigt.

Die allesamt großartigen Vorträge gipfelten in lebendigen Diskussion, über Quellen, Methoden, Theimg_0664orien, aber vor allem Gender selbst. Diese intensive Auseinandersetzung fand schließlich im Rahmenprogramm eine Fortsetzung. So wurde nicht nur während des Abendessens in der Schlosstaverne, sondern auch bei der ein oder anderen Partie Dart über Geschlechterrollen, Gender binary, Transgender, weibliche Ideale und männlich-soldatische Identität diskutiert. Um „Rethinking Gender“ zu betreiben, luden zudem die zahlreichen, szenischen Spazierwege in und rund um Drosendorf ein. Drei Tage lang war das Waldviertel Ort eines fachlichen und kollegialen Austausches, der überraschende Forschungsergebnisse, innovative methodische Ansätze sowie kritische Auseinandersetzung mit Theorien hervorbrachte. Vor allem aber brachte die Konferenz neue Fragestellungen hervor, die ein „Fortsetzung folgt…“ bedingen.

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Renaissanceschloss Drosendorf

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Genderdiskussionen auch jenseits der Panels

Andreas Enderlin