(Wissenschafts-) Sprachen an der Grenze: VDA meets ICLA

(Wissenschafts-) Sprachen an der Grenze: VDA meets ICLA

Von 21.-27. Juli fand in Wien der 21. Weltkongress der International Comparative Literature Association (ICLA) statt. 1.600 Literaturwissenschafter*Innen aus über 40 Ländern diskutierten in mehr als 40 parallel bespielten Räumen über „Die vielen Sprachen der Literaturwissenschaft“ (so das Jahresthema).* Die einzelnen Beiträge umfassten dabei ein Spektrum von der Sprache des Klimas über Kolonialismus und Weltliteratur bis hin zur Theorie der Übersetzung.

Wir, Hanna Hamel und Stephanie Langer, veranstalteten im Rahmen der Tagung der ICLA ein Panel zum Thema „(Wissenschafts-)Sprachen an der Grenze: Überforderung im Wissen vom
Menschen um 1800“. Ausgangspunkt des Panels war die Überlegung, dass mit der Ausdifferenzierung der Wissenskulturen um 1800 verschiedene Herausforderungen für die entstehenden Disziplinen wie für die Künste verbunden sind. Dazu zählt auch das kommunikative Problem, dass trotz disziplinärer Grenzen und trotz entstehenden Fachvokabulars zwischen Wissensbereichen oder ganzen Wissenskulturen vermittelt werden muss. In welchen Formen, Konzepten oder auch Begriffen im späten 18. Jahrhundert eine solche Vermittlung gelingen kann und wo ihre Grenzen sind, versuchten wir an verschiedenen Beispielen nachzuvollziehen.

Allen Beiträgen war dabei gemeinsam, dass sie auf die Frage nach Vermittlung bzw. einzeldisziplinärer Überforderung ihren Ausgang von ästhetischen Fragestellungen nahmen: In der ersten Hälfte des Panels stand dabei stärker das Potential ästhetischer Theoriebildung im Vordergrund. Zunächst fragte Sebastian Lederle (Universität Wien) nach Symbolbegriff und reflektierender Urteilskraft bei Kant. Reinhard Möller (Julius-Maximilians-Universität Würzburg) zeigte anschließend, dass die Ästhetiken des Erhabenen bei Kant, Burke und Herder als Theorien sinnlich-kognitiver Überforderung zu begreifen sind. Herder war dann auch der Einsatzpunkt von Hanna Hamels (Universität Wien) Beitrag, der dem Kraftbegriff bei Herder nachging und diesen in einem oft metaphorisch funktionierenden organisch-mechanisch-klimatologischen Erklärungsprinzip verortete.
Die zweite Hälfte nahm stärker Einzelphänomene und konkrete Wissenssprachen in den Blick. In seinem Vortrag zeigte Michele Vangi (Deutsch-Italienisches Zentrum Villa Vigoni), dass die Auseinandersetzung mit „Ansichten“ – Raumdarstellungen um 1800 – als holistischer Ausweg aus der empfundenen epistemischen Überforderung im Zersplittern der Einzelwissenschaften begriffen werden kann. Stephanie Langer (Universität Wien) nahm die Grenze von Leben und Tod in den Blick und veranschaulichte, dass diese um 1800 Gegenstand intensiver Verhandlung ist, die gleichermaßen um Klärung und Distinktion bemüht ist, wie sich ihr Gegenstand ihrem Zugriff immer wieder entzieht. Zuletzt erörterte Jill Bühler (Karlsruher Institut für Technologie), dass die sprachliche Unschärfe des Verwandtschaftsverhältnisses von Blutdurst und Wollust in Kriminalpsychologie und Traumtheorie analoge mythologische Referenzen zeitigt.

* Danke an Constanze Prašek für die statistischen Informationen!

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