‚Geschichte‘ als Kulturtheorie. Zur Historizität einer Wissensform.

‚Geschichte‘ als Kulturtheorie. Zur Historizität einer Wissensform.

Blockseminar Vienna Doctoral Academy: Theory and Methodology in the Humanities
WS 2016

DI 25.10.2016 15.00-18.00 Ort: Medienraum des Instituts für Geschichte  Hauptgebäude, 2.Stock;
DO 03.11.2016 10.00-13.00 Ort: Medienraum des Instituts für Geschichte  Hauptgebäude, 2.Stock;
DI 08.11.2016 15.00-18.00 Ort: Medienraum des Instituts für Geschichte  Hauptgebäude, 2.Stock;
27.10. (15-18), 3.11. (15-18) und 10.11.2016 (15-17) Seminarraum 4  Oskar-Morgenstern-Platz 1, 1.Stock

Das geläufige Verständnis von „Geschichte“ enthält eine semantische Doppelstruktur – Geschichte als Prozess vergangenen Geschehens sowie als ästhetisch fundierte Form der Darstellung des Geschehens (Narrativität, Metaphorologie). Vor der Mitte des 18. Jahrhunderts war diese Doppelbedeutung von „Geschichte“ unbekannt. Sie setzt einen vielschichtigen Vorgang frühneuzeitlicher Komplexitätssteigerung globaler Geschehenszusammenhänge sowie die Formierung und Ausdifferenzierung neuer Wissensformen voraus, in denen Menschen sich selbst als kulturelle Wesen beschreiben. In Nachbarschaft der Anthropologie und aus ihr abgeleitet formieren sich andere Formen kultureller Selbstreflexion. Neben der Ästhetik (v.a. Literatur) insbesondere die „Geschichte“ als Wissenschaft vom Menschen. Die Selbstbeschreibung des Menschen im Medium der „Geschichte“ tritt fortan mit dem Anspruch eines absolutistischen Historismus auf, der sämtliche Geistes- und Humanwissenschaften durchzieht. Bereits in der „Krise des Historismus“ um 1900 wird die Plausibilität der „Geschichte“ als Wissensform jedoch brüchig, und das 20. Jahrhundert lässt sich als Schwundstufendiskurs der „Geschichte“ beschreiben, u. a. ausgelöst durch den Plausibilitätsverlust linearen Prozessdenkens, den Aufstieg neuer Medien (Fotografie, Film) sowie des Postkolonialismus. Ob „Geschichte“ unter diesen Bedingungen noch eine hinreichende symbolische Form der Welterschließung (Cassirer) ist, ist eine ebenso offene Frage wie die nach dem Profil einer erneuerten „Historie“ nach der „Geschichte“.

Ziel des Seminars ist es, diese transdisziplinär-kulturwissenschaftliche Fragestellung jenseits der „Geschichte“ als Fachdisziplin anhand exemplarischer Texte und Diskurse über „Geschichte“ vom ausgehenden 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart zu diskutieren – von Schiller, Kant und Hegel über Nietzsche, Benjamin und Kracauer bis zu A. Gehlen und postkolonialen Kritikern wie Edouard Glissant, Dipesh Chakrabarty, Stuart Hall u.a.

 

Literatur zur Einführung.

Reinhard Blänkner, Historische Kulturwissenschaft im Zeichen der Globalisierung, in: Historische Anthropologie 16 (2008), S. 341–372.

Ders., Geschichte und Geschehen. Zur Historizität der „Geschichte“ als Wissensform, in: Friedrich Wilhelm Graf/Edith Hanke/Barbara Picht (Hg.), Geschichte intellektuell. Theoriegeschichtliche Perspektiven, Tübingen 2015, S. 38–55.