Čeština: Saladin a spol 13th century

Alexander Marx: Den Kreuzzug predigen

Im Rahmen der Reihe „Projektvorstellung“ bekommen VDA-Fellows die Möglichkeit, ihr Dissertationsprojekt öffentlich und auf zugängliche Weise anhand von 3 Fragen vorzustellen. Dieses Mal präsentiert Alexander Marx, Doktorand am Institut für Geschichte unter Betreuung von Philippe Buc, seit Jänner 2016 doc-Stipendiat an der ÖAW, seine Forschung.

Frage 1: Wie würdest Du Dein Projekt einem 10-jährigen Kind erklären?

Ein Ritter Christi, sage ich, tötet mit gutem Gewissen, noch ruhiger stirbt er. Wenn er stirbt, nützt er sich selber; wenn er tötet, nützt er Christus. Denn nicht ohne Grund trägt er das Schwert; er steht im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut […]“.[1]

– Bernhard von Clairvaux, Kreuzzugsprediger, geistiger Vater der Zisterzienser, Abt von Clairvaux, ca. 1130.

Hast Du dich schon einmal gefragt, was unzählige Menschen über mehrere Jahrhunderte hinweg auf die unsinnige Idee gebracht hat, auf einen Kreuzzug zu gehen, um für ihre Religion zu sterben oder zu töten? Mit dieser Frage beschäftigt sich mein Projekt – und das Zitat von Bernhard von Clairvaux, der Hauptprediger des Zweiten Kreuzzuges (1145-49), vermittelt uns bereits einen gewissen Eindruck. Bevor man sich dieser Frage widmen kann, müssen wir uns zuerst einmal über die Rahmenbedingungen der Kreuzzüge im Klaren sein. Kreuzzüge waren äußerst teure und aufwendig zu organisierende Unternehmungen. Manche Menschen, wie wir in zahlreichen Urkunden nachlesen können, ruinierten sich regelrecht dafür, um die Reise in den Osten antreten zu können. Kreuzzüge waren natürlich auch äußerst gefährliche Reisen – von denen viele auch nicht zurückkehrten. Schlussendlich war es für Kaiser, Könige und Fürsten eine überaus riskante Angelegenheit für mehrere Jahre von der politischen Bühne zu verschwinden, da Machtverhältnisse in Europa relativ instabil waren und vor allem auf Personenpräsenz und -autorität beruhten. Man kann also sagen, von einem modernen Standpunkt betrachtet, war das eigentlich eine ziemlich dumme Entscheidung. Gleichzeitig können wir beliebte moderne Erklärungen wie das Streben nach Macht oder Reichtum als Motivation ausschließen.

Peter the Hermit

Die Motivation für die Kreuzzüge muss im kulturell-religiösen Bereich gesucht werden. Daher beschäftige ich mich mit Predigten – also mit jenen Texten, die vor einem Kreuzzug verfasst wurden, um Menschen eben dazu aufzustacheln. Mit diesen Texten sind wir deutlich näher am Moment der Motivation als mit irgendeinem anderen Textgenre (z.B. Chroniken). Ebenso können uns diese Texte vermitteln, welche Vorstellungen und Erwartungen die Kreuzfahrer von diesem sogenannten Heiligen Land hatten, das ihnen in ihrem alltäglichen Leben eigentlich sehr fern und unbekannt war – alles, was sie darüber wussten, stammte aus der Bibel und deren Interpretation, die ihnen wiederum in Predigten vermittelt wurde. Ich konzentriere mich dabei auf den Dritten Kreuzzug (1187-92), der vielen vermutlich als der Kreuzzug von Richard Löwenherz und Friedrich Barbarossa bekannt ist. Der Auslöser für diesen Kreuzzug waren Ereignisse im Heiligen Land; nämlich der Verlust der Reliquie des Wahren Kreuzes – das Kreuz auf dem Christus selbst gekreuzigt worden war, wie man glaubte – und die Eroberung Jerusalems durch Saladin. Diese Ereignisse lösten Schock und Panik in Europa aus und führten zur Predigt eines neuen Kreuzzuges. Dessen Prediger waren Zisterzienser-Mönche und Gelehrte aus der frühen Pariser Universität, die in einigen Fällen sogar selbst auf den Kreuzzug gingen.

 

Frage 2: Was war deine Motivation, dich bei der VDA zu bewerben?

Ich bin auf verschiedenen Ebenen an kulturwissenschaftlichen Fragestellungen interessiert. Für diese Zwecke ist es, wie ich denke, unumgänglich über den Tellerrand der eigenen Disziplin zu blicken, da es z.B. im Bereich der Germanistik oder Kunstgeschichte Personen gibt, die sich mit den gleichen historischen Epochen beschäftigen – mit denen man aber sonst vermutlich nie zu tun hätte. Ich finde es außerdem allgemein sehr spannend, sich über Fragen von Theorie und Methodik auszutauschen, da nur ein reflexiver und interaktiver Zugang uns bei der Weiterentwicklung dieser Aspekte helfen wird. Das Konglomerat an jungen Forschern und Forscherinnen verschiedener Disziplinen, das die VDA bildet, erschien mir daher als ein willkommener Ort, um Austausch, Ideen und Feedback zu suchen, sowie sich vertiefend mit diversen methodisch-theoretischen Herangehensweisen auseinander zu setzen, um so den eigenen Werkzeugkasten und Horizont zu erweitern. Ich finde es in diesem Zusammenhang auch sehr lobenswert, dass ein solches Projekt an der Universität Wien ins Leben gerufen wurde, da die VDA innerhalb dieser Massenuniversität eine Möglichkeit des Austauschs und Netzwerks bietet, wie es eigentlich an jeder Universität, besonders im Doktoratsstudium, vorhanden sein sollte.

 

Frage 3: Welche*r Wissenschaftler*in/Forscher*in hat dich auf deinem Weg am meisten beeindruckt/beeinflusst/inspiriert/begeistert?

Die Person, die mich vermutlich am meisten geprägt hat, ist mein Betreuer Philippe Buc (Institut für Geschichte, Universität Wien), mit dem ich bereits seit meiner Masterarbeit zusammenarbeite. Aufgrund seines vielfältigen Hintergrundes – aus Frankreich stammend mit dem Doktorvater Jacques Le Goff und zwanzig Jahre in den USA verbracht, besonders in Stanford – konnte er mir einen spannenden, facettenreichen und reflexiven Einblick in die mediävistische Forschung (und darüber hinaus) bieten, der mich gewiss in der Entwicklung eigener Forschungsinteressen und Horizonte stark beeinflusst hat. Insbesondere hat uns auch ein gemeinsames Interesse an den Kreuzzügen und dem Thema religiöse Gewalt verbunden. In diesem Zusammenhang hat mich besonders sein jüngstes Buch sehr beeindruckt, das überaus erhellende und faszinierende Einblicke in das (sogenannte) dunkle Mittelalter bietet. Es widmet sich religiöser, exegetisch-theologisch geprägter Gewalt zwischen der Römischen Kaiserzeit und dem Irakkrieg 2003 – mit einem Schwerpunkt auf den Kreuzzügen und ihrer Wirkung über ihre eigentliche Blütezeit hinaus (siehe Literatur unten). Der wertvolle und komplexe Einblick, den uns ein solcher kulturwissenschaftlicher Ansatz bieten kann, war auch für den Entwurf meines Dissertationsprojekts maßgebend und erhofft sich einige neue Perspektiven auf die Kreuzzüge zu erschließen, da die Kreuzzugsforschung, besonders im anglo-amerikanischen Raum, eher traditionell-historiographisch geprägt ist.

Literatur-Tipps:

Alphandéry, Paul; Dupront, Alphonse: La chrétienté et l’idée de croisade (Paris 1995).

Buc, Philippe: Holy War, Martyrdom, and Terror. Christianity, Violence, and the West, ca. 70 C.E. to the Iraq War (Philadelphia 2015).

Cole, Penny J.: The preaching of the Crusades to the Holy Land, 1095 – 1270 (Cambridge 1991).

Rubenstein, Jay: Armies of Heaven. The First Crusade and the Quest for Apocalypse (New York 2011).

Schein, Sylvia: Gateway to the Heavenly City. Crusader Jerusalem and the Catholic West (1099-1187) (Aldershot 2005).

[1] Lat. Text und Übersetzung siehe Bernhard von Clairvaux, De laude novae militiae, ed. Gerhard Winkler (Innsbruck 1990), 276.

Bild:

Čeština: Saladin a spol (via wikicommons)

Peter the Hermit leads the first Crusade (via wikicommons)

(Alexander Marx, 7.8.2017)