Georg Kö: Falsche echte Fotos (oder: Echte falsche Fotos)

Georg Kö: Falsche echte Fotos (oder: Echte falsche Fotos)

Im Rahmen der Reihe „Projektvorstellung“ bekommen VDA-Fellows die Möglichkeit, ihr Dissertationsprojekt öffentlich und auf zugängliche Weise anhand von 3 Fragen vorzustellen. Heute stellt Georg Kö, Doktorand am Institut für Geschichte unter Betreuung von Reinhard Sieder, seine Forschung vor.

Frage 1: Wie würdest Du Dein Projekt einem 10-jährigen Kind erklären?

Eines Tages besuchte der Fotograf Hiroshi Sugimoto ein Naturkundemuseum. Ziellos durchstreifte er die Säle, die gefüllt sind mit den unterschiedlichsten Gemeinschaften ausgestopfter Tiere und Puppen prähistorischer Menschen in Glasvitrinen. Alles wirkt sehr alt und sehr künstlich. Die Tiere stehen zwischen verstaubten Grasbüscheln und falschen Bäumen, die aussehen, als ob sie Kulissen eines längst nicht mehr aufgeführten Theaters wären. Wald und Berge im Hintergrund sind an die Wand gemalt wie in einem uralten Kinderbuch für die ganz Kleinen.

Irgendwann, vermutlich aus Langweile, hält er sich ein Auge zu. Er schaut also nur mehr mit dem anderen, eigentlich, wie bei einer Fotokamera, auf das staubige Theater der künstlichen Wildnis um ihn herum. Rasch merkt er, dass auf einmal alles anders ist. Plötzlich verschwimmt der ausgestopfte Puppenvordergrund mit dem an die Wand skizzierten Hintergrund und das Museum wird fast ein wenig lebendig. Fasziniert überlegt er, warum das so ist. Ohne sein zweites Auge verschwindet die Möglichkeit, Dinge weiter vorne oder weiter hinten sehen zu können. Alles vermischt sich zu einem flachen Bild, wie auf einem Foto. Spannend, dass Herrn Sugimoto das „falsche“ einäugige Bild viel echter und lebendiger vorgekommen ist, als das zweiäugige „echte“. Eine Kamera hat ja auch nur ein „Auge“, denkt er sich, und beginnt Fotos zu machen – immerhin ist er ja Fotograf. Auch die Fotos wirken „echter“, als das, was er abgelichtet hat – so, als ob er mit seinem Fotoapparat wirklich in der Steinzeit oder in der Steppe Afrikas gewesen wäre. Er schließt daraus, dass es egal ist, wie „falsch“ oder „künstlich“ etwas ist, denn wenn es erst einmal fotografiert ist, ist es so gut, wie „echt“.

Ich habe diese Erfahrung auch gemacht und vermutet, dass es sehr Vieles gibt, das wir fotografiert als echter und wirklicher oder genauer wahrnehmen, als es ist, wenn wir einfach nur so hinschauen. Zudem gibt es Dinge, die wir gar nicht sehen, wenn sie nicht in einem Foto festgehalten werden. Das Foto kann auch nur den winzigsten Teil einer Sekunde zeigen.

Ein Kolibri zum Beispiel. Der fliegt so schnell, dass wir ohne ein Fotostandbild gar nicht wüssten, wie das Tier mit ausgestreckten Flügeln ausschaut. Sehen tun wir das mit freiem Auge nie. Im Biologiebuch finden wir aber genauso ein Foto und verbinden dieses mit unserem Bild von einem Kolibri. Wonach halten wir dann aber Ausschau in der Welt da draußen? Nach dem „falschen“ „echten“ Kolibri mit Flügel oder dem „echten“ „falschen“ ohne Flügel? Ein Bild ist nur ein winziger Ausschnitt aus Zeit und Raum. Das wird uns auch beigebracht. Irgendwie bleibt das Foto aber doch hängen in unseren Gedanken und verändert, wie wir die Welt sehen. Vor allem verändert es, was wir erwarten oder hoffen zu sehen. Unsere Erwartungen wiederum verändern die Welt um uns herum. Allerlei Dinge denken wir uns aus, schreiben darüber, machen neue Bilder davon, bauen sie oder vergessen sie vielleicht auch wieder. Straßen, Brücken, Häuser ganze Städte aber auch Bücher, Filme oder Spiele entstehen daraus, wie wir uns vorstellen, dass die Welt aussehen sollte. Das nennen wir Vorstellungskraft. Und diese Vorstellungskraft, die auch Sugimotos ausgestopfte Museumstiere für einen kurzen Moment in Bewegung versetzten konnte, lässt sich durch so etwas Simples, wie ein Foto ganz gewaltig beeinflussen.

Das interessiert mich. Ich frage mich, wie Fotos das Denken und Handeln von Menschen wohl verändert haben. Ich frage mich auch, wie anders ein Leben ohne Fotos vor der Erfindung der Fotografie war. Um meine Fragen zu beantworten, schaue ich mir Unmengen alter Fotos an, um herauszufinden, wie die Menschen vor vielen vielen Jahren sich die Welt vorgestellt haben. Das ist nicht wenig Arbeit, denn es gibt ja viele Arten von Fotos. Früher waren Kameras groß, sehr schwer und teuer und superkompliziert. Die Menschen haben also gründlich überlegt, was sie knipsen wollen. Später wurden Fotoapparate kleiner, leichter und für viele Menschen leistbar. Bald sind Schnappschüsse von allem und jedem gemacht worden. Ich sammle und sortiere diese also nach unterschiedlichen Eigenschaften und vergleiche sie mit anderen Bildern und Beschreibungen der Welt, um herauszufinden, ob und welche Bilder dazu geführt haben, dass schließlich alles so geworden ist, wie wir es heute sehen. Manchmal kneife ich auch zwischendurch einfach nur ein Auge zu, wie Herr Sugimoto. So sieht die Welt gleich anders aus …

Frage 2. Was war deine Motivation, Dich bei der VDA zu bewerben?

Wissenschaft, die sich über Theorie und Methode, also wesentliche Elemente ihrer Möglichkeitsbedingung, Klarheit verschaffen will, ist notwendigerweise kein Solospiel. Vielfach ist es jedoch schwierig, mit komplexen theoretischen und/oder methodologischen Fragestellungen unter FachkollegInnen ins Gespräch zu kommen. Berufstätigkeit ist diesbezüglich auch kein förderlicher Faktor. Zudem: Eine akademische Welt, die ich aus der Perspektive meines Faches, der Geschichte, zunehmend als wenig bis gar nicht mehr interdisziplinär und vermehrt theoriefeindlich wahrnehme, unterstützt immer seltener notwendige Grundlagenforschung und deren Diskussion. Attribute wie „zu kompliziert“, „zu philosophisch“ oder auch „hard-core“ begleiten oft schon den sanftesten Versuch, einen Gedankenaustausch zu starten, der etwas tiefer geht, als die akzeptierte meist unbedacht positivistische Oberfläche eines Fachdiskurses erlauben würde. Die Ausschreibung der VDA Theory and Methodology in the Humanities machte dagegen klar, dass explizit fachübergreifend denkende und an den komplexen Grundlagen unseres Wissens interessierte KollegInnen ein intellektueller Freiraum geboten werden sollte, den ich schon lange vermisst hatte.

Frage 3. Welche*r Wissenschaftler*in/Forscher*in hat dich auf deinem Weg am meisten beeindruckt/beeinflusst/inspiriert/begeistert?

Es wäre ein Leichtes, aus dem oft auch von mir zitierten Bündel großer Namen wie Eco, Cassirer, Foucault, Canguilhem etc. etc. einen auszusuchen und damit verknüpfte Geschichten zu erzählen. Es gäbe deren viele, denn ich habe einige Jahre mit den damit verbundenen Texten verbracht und sie sind unleugbar von großer Bedeutung für mich gewesen. Als wesentlicher erachte ich aber rückblickend den persönlichen Kontakt zu konkreten Menschen, die nicht nur durch ihre wissenschaftlichen Leistungen oder ein bemerkenswertes Publikationsaufkommen auffallen, sondern viel mehr durch Großzügigkeit im Umgang mit ihrem Wissen, intellektuelle Bescheidenheit und Aufgeschlossenheit Denkräume zu öffnen vermochten, die sonst verschlossen geblieben wären. Siegfried Mattl (1954-2015), der leider verstarb, bevor ich mein mit ihm entwickeltes Dissertationsprojekt umzusetzen beginnen konnte, war so ein Mensch. Seine offene und unprätentiöse Art, seine inter- und transdisziplinäre Herangehensweise und nicht zuletzt seine genialen Perspektivierungen dessen, was alles in den Humanities möglich sein könnte oder sollte, dies alles war von großer Bedeutung für mich.

Reinhard Sieder ist mein aktueller Dissertationsbetreuer. Seine Wissenschaftstheorie-Vorlesungen sind legendär. Sein souveränes Sprechen über die Komplexionen unseres Denkens und Wissens, die umsichtige, elegante und hochpräzise Form seiner Analytik und nicht zuletzt seine einladende Haltung gegenüber allen, die in der Wissenschaft mehr sehen und mehr suchen, als nur den nächsten Schein, hat sehr viel dazu beigetragen, wie ich mich als Wissenschaftler und als Mensch entwickeln konnte. Ich habe über die Jahre eine Vielzahl für mich bedeutender Menschen in den Humanities kennengelernt, die mir hoffentlich verzeihen werden, dass ich an dieser Stelle sehr pragmatisch nur meine Dissertationsbetreuer aus der Anonymität meiner Erinnerungen herausgehoben habe. Eines ist jedoch klar: Die Riesen auf deren Schultern ich das Glück habe, verweilen zu dürfen, sind keine leblosen Gestalten einer vom Geschehen losgelösten Geschichte quantifizierbarer Exzellenz, sondern konkrete Persönlichkeiten, die per humanitatem – ab und zu unterstützt von extrastarkem Espresso im Kaffeekammerl des Instituts oder auch dem einen oder anderen Kaltgetränk im nächsten Beisl – stets akademische Solidarität bewiesen haben.

Literatur-Tipps:

Sieder, Reinhard: Sie Rückkehr des Subjekts in den Kulturwissenschaften, Wien 2004

Mattl, Siegfried: Die Strahlkraft der Stadt. Schriften zu Film und Geschichte, hrsg. v. Drehli Robnik, Wien 2016

Kö, Georg, Das leere Kino. Zur Ästhetik des Films in der Fotografie. In: Vorstellungskraft, Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Heft 2/2014, S. 61-81. hrsg. v. Siegfried Mattl und Christian Schulte, Bielefeld 2014

Kö, Georg, Eine Ästhetik der Unschärfe. Jacques Rancière und die Aufteilung des Sinnlichen zwischen Logos und Pathos. In: Apropos Rancière, Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, Nummer 27/2016/1, S. 123-155. hrsg. v. Christian Sternad und Siegfried Mattl, Wien 2016

Abbildung:

„Return oft the Dodo“, Georg Kö 2017, alle Rechte vorbehalten.

(Georg Kö, 22.08.2017)