Elisabeth Lechner: Vom feministischen Potenzial 'ekliger' weiblicher Körper

Elisabeth Lechner: Vom feministischen Potenzial ‘ekliger’ weiblicher Körper

Im Rahmen der Reihe „Projektvorstellung“ bekommen VDA-Fellows die Möglichkeit, ihr Dissertationsprojekt öffentlich und auf zugängliche Weise anhand von 3 Fragen vorzustellen. Heute dürfen wir Elisabeth Lechners Forschung näher kennen lernen. Sie ist Universitätsassistentin am Institut für Anglistik und Uni:Docs Fellow. Betreut wird ihre Dissertation von Monika Seidl.

Frage 1: Wie würdest Du Dein Projekt einem 10-jährigen Kind erklären?

Wenn du dir beim Fernsehen einmal ganz genau die Frauen anschaust, die Moderatorinnen, Schauspielerinnen oder Sängerinnen werden, dann wird dir auffallen, dass die meisten davon sehr jung, dünn und gut aussehend sind. Das spiegelt aber nicht unsere Wirklichkeit wider, in der es ganz verschiedene Frauen gibt – große, kleine, dicke, dünne, alte, junge, schwarze und weiße. Du musst wissen, es gibt beim Fernsehen für Frauen einen großen Druck, immer schön auszusehen. Wenn sie älter und dicker werden oder zum Beispiel nicht perfekt rasierte Beine haben, stempelt die Gesellschaft sie als ‚grauslich‘ ab. Das ist nicht nur blöd, sondern auch ziemlich ungerecht, weil für Männer nicht so strenge Schönheitsideale gelten. Interessanterweise ist in den letzten Jahren eine Gruppe von jungen Künstlerinnen, Autorinnen, und Aktivistinnen damit berühmt geworden, dass sie nicht mehr verstecken, was die Öffentlichkeit an ihnen ‚eklig‘ findet. Ganz selbstbewusst stehen sie zu ihrem dicken, haarigen Körper mit all seinen Funktionen und sind trotzdem – oder gerade deswegen – sehr erfolgreich.

Ich schaue mir in meiner Doktorarbeit also diese Bewegung von selbstbewussten, jungen Frauen wie Lena Dunham, Jen Lewis oder Rupi Kaur ganz genau an, die sich nicht einreden lassen, dass ihre ganz normalen Körper ‚grauslich‘ sind. In meinem Projekt geht es also um feministischen Widerstand gegen strenge Schönheitsideale, der vor allem im Internet, also in sozialen Medien wie Facebook, stattfindet. Dabei sind Themen wie der Körper und Gefühle (wie Ekel, Scham und Stolz), aber auch Performance-Kunst und ganz verschiedene Gattungen von Texten im Zentrum meiner Aufmerksamkeit.

 

Frage 2: Was war deine Motivation, Dich bei der VDA zu bewerben?

Um in der heutigen Zeit im universitären Umfeld Fuß fassen zu können, ist eine enge Vernetzung mit der nationalen und internationalen scientific community seines Feldes unerlässlich. Gleichzeitig ist gerade der Eintritt in diese Community und das Etablieren eines solchen Netzwerks für junge Wissenschaftler*innen oftmals sehr schwierig. Die VDA schien mir wunderbare Möglichkeiten zu bieten, sich dieser Herausforderung nicht allein stellen zu müssen bzw. die Mittel für Reisen zu wichtigen Kontaktpersonen und Konferenzen bereitzustellen, ohne die der Versuch des „Fuß-Fassens“ im eigenen Feld nicht erfolgreich sein kann.

Während man im Rahmen der Master-Programme durch zahlreiche Lehrveranstaltungen noch intensiv im universitären Alltag eingebunden ist, verlagert sich das Forschungsdasein von Doktorand*innen oftmals in Bibliotheken oder nach Hause. Vor allem aber durch den Austausch mit Kommiliton*innen (gerade über methodologische und theoretische Fragestellungen) sowie durch rege Kontakte mit Professor*innen aus dem In- und Ausland entstehen neue, innovative Ideen und Projekte. Die VDA schien mir die idealen Rahmenbedingungen zu bieten, um solche fruchtbaren, die Grenzen von etablierten Disziplinen überschreitenden Forschungskooperationen entstehen zu lassen.

 

Frage 3: Welche*r Wissenschaftler*in/Forscher*in hat dich auf deinem Weg am meisten beeindruckt/beeinflusst/inspiriert/begeistert?

Es ist mir unmöglich, diese Frage nur mit einem Namen zu beantworten. Besonders im Rahmen meiner sehr interdisziplinär gefassten Dissertation haben mich viele verschiedene Wissenschaftler*innen begeistert und beeinflusst. Allen voran wäre momentan Sara Ahmed zu nennen, die nicht nur einen wunderbaren Blog führt, sondern mir auch mit ihrem Buch The Cultural Politics of Emotion (2004, 2. Auflage 2014) und ihrer performativen Konzeption von Emotionen wie Ekel geholfen hat, über die affective politics von hate speech und ‚popfeminist body positivity‘ im digitalen Aktivismus auf sozialen Medien nachzudenken. Ihr neuestes Buch Living a Feminist Life (2017), in dem feministische Theorie als aus dem Alltag entstanden theoretisiert wird, ist nicht weniger bewegend bzw. mitreißend und hat mich wieder daran erinnert, wie wichtig es ist, seine eigene, privilegierte Position zu reflektieren und intersektional-feministisches Denken in verschiedensten Situationen (Wer wird zitiert? Wer zu Konferenzen/Podiumsrunden eingeladen? Kursplanerstellung, etc.) in den Vordergrund zu rücken – für mehr Diversität und Teilhabe im Universitätsbetrieb. So ganz nebenbei hat das Buch auch eines der schönsten Cover, die ich kenne.

Was Feminismus im 21. Jahrhundert und scharfsinnige Kritik von Popkultur betrifft, die sich vor allem populärwissenschaftlich und unterhaltsam, deshalb aber nicht weniger aufschlussreich präsentiert, wären auch noch Laurie Penny aus Großbritannien und Roxane Gay aus den Vereinigten Staaten zu nennen. Penny behandelt in Meat Market (2011) und in Unspeakable Things (2014) Themen wie Gender, Maskulinität, Machtzusammenhänge, Widerstand, Sexualität, Feminismus, Digitalisierung und Konsum in neoliberalen Zeiten. Roxane Gay beschäftigt sich in Bad Feminist (2014) mit ganz ähnlichen Themen und erläutert neben pointierter Kritik von popkulturellen Texten, warum sie lieber ‚bad feminist‘ statt Idol ist. Ihr neuestes Buch Hunger. A Memoir of (My) Body (2017) ist zugleich eine zutiefst persönliche Abhandlung über ihren Körper, ihr Übergewicht und die sexuelle Gewalt, die sie als junges Mädchen erfahren hat, wie auch ein feinsinniger Kommentar über Körperideale und Umgang mit Diversität in den USA des 21. Jahrhunderts.

Abschließend komme ich auch nicht umhin Awkward Politics. Technologies of Popfeminist Activism (2016) von Carrie Smith-Prei und Maria Stehle zu erwähnen, die sich in ihrem Buch mit Feminismus/Aktivismus im digitalen Zeitalter beschäftigen. Dieser ´Popfeminist Activism´ des 21. Jahrhunderts lässt sich nicht leicht beschreiben. Er ist, wie das Wort Pop im Terminus schon anklingen lässt, nicht mehr nur radikal politisch, sondern auch im populären Mainstream angekommen, d. h. widerständig und kommerziell zugleich, weswegen sich oft ‚awkward moments‘ ergeben.

 

Literatur-Tipps:

Ahmed, Sara. Living a Feminist Life. Durham: Duke UP, 2017.

Ahmed, Sara. The Cultural Politics of Emotion. 2nd ed. Edinburgh: Edinburgh UP, 2014.

Gay, Roxane. Bad Feminist. New York: Harper Perennial, 2014.

Gay, Roxane. Hunger. A Memoir of My Body. New York: Harper Collins, 2017.

Penny, Laurie. Unspeakable Things. Sex, Lies and Revolution. London: Bloomsbury, 2014.

Penny, Laurie. Meat Market: Female Flesh Under Capitalism. Alresford: Zero Books, 2010.

Smith-Prei, Carrie, and Maria Stehle. Awkward Politics. Technologies of Popfeminist Activism. Montreal & Kingston: McGill Queen’s UP, 2016.