Fellows on the Road: Berlin

Fellows on the Road: Berlin

Von 8. bis 12. Oktober 2017 fand in Berlin der XVII Weltkongress für Psychiatrie statt. VDA-Fellow Anastassiya Schacht reiste im Rahmen ihres Dissertationsprojekts zur Geschichte der sowjetischen Psychiatrie nach Deutschland, um das große Geschehen mitzuerleben.

Der Weltkongress für Psychiatrie wird von der World Psychiatry Association seit 1950 im Durchschnitt alle 3-5 Jahre organisiert und stellt ein Zentrum für die Präsentation aktueller Forschungen, fachlichen Austausch und das Vernetzen der modernen Fachpsychiatrie dar. Im Laufe seiner Geschichte wurde der Kongress von mehreren Weltgrößen in der Disziplin mitgeprägt, wie etwa von Melanie Klein, Anna Freud, Jean Piaget, Eduardo Krapf, Pierre Pichot, Peter Berner und vielen, vielen mehr. Mehrmals wurde er zum Schlachtfeld hitziger Diskussionen, bei denen sich neue Therapiemethoden und Ansätze den Weg bahnten. Auch die Außenwelt – große Ereignisse der Politik und des Soziallebens: etwa der Vietnamkrieg, der Ungarische Aufstand 1956 oder der politische Missbrauch der Psychiatrie in der UdSSR –hinterließ hier ihre Spuren.

Der mittlerweile 17. Weltkongress wurde am 8. Oktober durch den WPA-Präsidenten Dinesh Bhugra (VK) mit einer feierlichen Rede eröffnet. Zum ersten vollen Kongresstag am Montag wurden die ankommenden Teilnehmer und Teilnehmerinnen von einer Demonstration gegen die Psychiatrie als Paradigma und Institution begrüßt. Tatsächlich bildeten medizinische Ethik und die aktuelle Stellung der Antipsychiatrie einen der mehreren Eckpunkte des Kongresses. WPA initiierte eine Kampagne für Sozialgerechtigkeit für Menschen mit Psychischen Störungen.

In mehreren Symposien, Posterpräsentationen, Debatten, Vorträgen und Workshops wurden verschiedenste Aspekte des Fachs, aber auch viele interdisziplinäre Themen diskutiert. Von Jugend- bis Gerontopsychiatrie, von pharmakologischen Neuigkeiten bis zur Komplementärmedizin; transkulturelle Erfahrungen, die Rolle der Religion – als Quelle der Spiritualität und zugleich des radikalen Fundamentalismus – Kreativität, Suizidalität, mediale Darstellung der Disziplin, psychische Gesundheit der urbanen und natürlichen Gesellschaften; man findet kaum ein Thema, das beim Kongress nicht in dieser oder jener Hinsicht angesprochen worden wäre.

Professor Thomas Fuchs lieferte einen Vortrag zu „Art and As-If: Antropological Foundations of Art Therapies“. In einer der Keynotes beschäftigte sich Professor Laurence J. Kirmayer mit cross-cultural values, social identity and resilience. Seine ägyptische Kollegin Professor Nahla El Sayed Nagy berichtete aus ihrer praktischen Erfahrung über die psychologischen Aspekte des religiösen Terrorismus. Professor Uwe Henrik Peters referierte über die Ergebnisse seiner lebenslangen Forschung zu den Schicksalen der in den 1930er Jahren aus Deutschland und Österreich vertriebenen Psychiatern.

Unser Fellow konnte im Rahmen des Weltkongresses wichtige Anregungen, fachliche Meinungen und Empfehlungen für ihr Dissertationsprojekt sammeln. Sie konnte einige der Schlüsselakteure und -akteurinnen unserer Zeit, die immer noch aktiv forschen und reisen, persönlich kennenlernen und einige Kontakte mit den Spezialisten und Spezialistinnen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion knüpfen. In einem der nächsten Schritte – nach fundierter methodologischer Ausarbeitung – werden auf Basis dieser Kontakte qualitative Interviews geführt. Es wird aber natürlich auch weitervernetzt: somit wird die Vienna Doctoral Academy auch in der kommenden Zeit bei den Fachkonferenzen in der Ukraine, Russland, Weißrussland willkommen geheißen und präsent sein.