Nora Kuch: Pinsel, Schaufel, Scherben – Ägyptologie zwischen Theorie und Praxis

Nora Kuch: Pinsel, Schaufel, Scherben – Ägyptologie zwischen Theorie und Praxis

Frage 1: Wie würdest Du Dein Projekt einem 10-jährigen Kind erklären?

Als Archäologin werde ich oft gefragt, ob ich Dinosaurier ausgrabe oder schon einmal Gold gefunden habe…Beides ist jedoch nicht der Fall.
Vielmehr beschäftige ich mich mit dem Leben der alten Ägypter und versuche durch ihre kulturellen Hinterlassenschaften etwas über die Menschen von damals herauszufinden. Die ägyptische Geschichte ist dabei sehr sehr lang und umfasst mehrerer tausend Jahre. Daher ist es notwendig sich auf eine Epoche zu spezialisieren. In meinem Fall ist dies die sogenannte Frühzeit oder Frühdynastische Epoche. Dieser Zeitraum reicht ca. von 3100-2900 v.Chr. und ist eine äußerst spannende Zeit, in der kleinere Königtümer zu einem gesamtheitlichen Staat zusammenwachsen, die Schrift entwickelt wird und die großen Pyramiden von Gizeh gebaut werden, die von Herodot als eines der sieben Weltwunder beschrieben werden. Es ist also viel los in dieser Zeit, allerdings haben wir besonders aus den frühen Phasen nur sehr begrenzte Schrift- oder Bildquellen, die uns darüber erzählen. Daher beschäftige ich mich mit den archäologischen Resten dieser Zeit, genauer mit dem Friedhof von Helwan* (bei Kairo). Dieser Friedhof ist von großer Bedeutung, da hier ‘normale’ Menschen wie Du und ich bestattet wurden. Sonst kennen wir aus Ägypten hauptsächlich Pharaonen, Prinzen, Prinzessinnen und Adelige.

Die Gräber, Beigaben und auch die Toten selbst können uns wichtige Hinweise auf das Leben der Menschen von damals geben. Denn über den Umgang mit ihren Verstorbenen lassen sich viele Informationen über die damalige ägyptische Gesellschaft erkennen. So glaubten die Ägypten an ein Leben nach dem Tod, in dem sie alles zur Verfügung haben sollten, was ihnen auch im Leben gehört hatte- daher finden wir Krüge mit Wein oder Bier, Brote und andere Lebensmittel, aber auch Schmuck oder Werkzeuge und Gefäße aus Keramik oder aus Stein.

Und während sich Indiana Jones nach der Vorlesung oft durch seinem Bürofenster davonschleicht, um in exotischen Ländern nach Schätzen zu jagen, sitzen wir doch die meiste Zeit eher am Schreibtisch. Und auch auf Ausgrabungen kann man nicht einfach Löcher buddeln oder Fundstücke einstecken und mit nach Hause nehmen! Da Ausgrabungen auch immer mit einer systematischen Zerstörung einhergehen, ist es umso wichtiger alles detailliert aufzuschreiben, zu fotografieren und in technischen Zeichnungen festzuhalten. Und durch die Auswertung dieser Dokumentation ist es mir möglich weitere Hinweise über die Bestattungssitten zu erkennen. Dabei ist mir aufgefallen, dass einige der Steingefäße absichtlich zerbrochen und die Fragmente an bestimmten Stellen in der Grabgrube platziert wurden.

Natürlich finden wir meisten ‘kaputte Dinge’, die über die Jahrtausende verfallen sind oder von Grabräubern zerstört wurden. es war aber möglich festzustellen, dass einige der Gräber in Helwan noch gut erhalten waren und die Grabbeigaben noch so im liegen, wie sie zum Zeitpunkt der Bestattung vor über 4000 Jahren arrangiert wurden. Daraus wird ersichtlich, dass auch das Zerbrechen der Gefäße und das platzieren der Fragmente während der Bestattungszeremonie geschah.  Meine Vermutung ist also, dass die Gefäße von den Menschen zerbrochen wurden, die an der Bestattung teilnahmen und daher ein Ritual zu verstehen sind.

* aktuelle Auswertungen laufen innerhalb des vom FWF geförderten Projekts ‘Helwan – eine Nekropole der Stadt Memphis‘, unter der Leitung von Univ-Prof. Dr. E. C. Köhler.  https://egyptology.univie.ac.at/forschung/projekte/laufende-projekte/helwan-projekt/

Frage 2. Was war deine Motivation, Dich bei der VDA zu bewerben?

Die Bewertung intentioneller Fragmentierung als Teil eines Bestattungsrituals in einer Epoche, die kaum ausreichende Bild- und Schriftquellen zu diesem Phänomen liefert, gestaltet sich als sehr spannend, aber auch problematisch. So wurden Gefäße in Grabkontexten oft als Behälter oder Vorratsgefäße gedeutet. Dies ist auch meistens korrekt – allerdings ist durch den Akt einer intentionellen Fragmentierung die Funktion als Behälter nicht mehr gegeben und es ist nach einer neuen Funktion zu Fragen. Durch eine mögliche Deutung als Teil des Bestattungsrituals wird also auch eine neue Interpretationsebene  geschaffen, die sich übergreifend mit Themen der Ritualdynamik, rituellem Raum und Mensch-Ding-Beziehungen auseinandersetzt. Hier werden Konzepte aus anderen Disziplinen wie z.B. der Soziologie herangezogen, um die Interpretation archäologischer Kontexte zu vertiefen und über reine Objektanalysen hinauszugelangen.

Die Entwicklungen der letzten Jahren verdeutlicht dabei, wie wichtig es geworden ist sich fächerübergreifend zu vernetzen, um den komplexen Fragestellungen der eigenen Forschung gerecht zu werden. So werden in der Archäologie beispielsweise neue oder verbesserte Verfahren zur Datierung verwendet; durch Programme für Datenbanken und Statistiken sind der Fundauswertung neue Möglichkeiten gegeben. Und auch auf theoretischer und methodologischer Ebene sind neue Impulse aus anderen Disziplinen aufgekommen. Jeder dieser Bereich hat dabei seine eigenen Tücken und Entwicklungsgeschichte, die beherrscht werden muss, soll sie erfolgreich angewendet werden. Die VDA bietet daher die Möglichkeit, mit Kollegen Erfahrungen auszutauschen, und gemeinsam diesen komplexen Anforderungen ein Stück weiter gerecht zu werden. Damit stellt die VDA eine Plattform dar, die einen regen Austausch untereinander ermöglicht, aber auch durch Mentoring, Workshops etc. eine Vernetzung innerhalb der akademischen Landschaft fördert. So wird der Blick über den eigenen Teller erweitert und fördert eine tiefgreifende Beschäftigung mit Methoden und Theorie, durch  die auch die eigene Arbeit profitiert und über die Öffnung zu anderen Fachbereichen einen zeitgemäßen Aktualitätsanspruch erhält.

Frage 3. Welche*r Wissenschaftler*in/Forscher*in hat dich auf deinem Weg am meisten beeindruckt/beeinflusst/inspiriert/begeistert?

Innerhalb der Archäologie wird durch den material turn die Materialität der Dinge als Quelle anerkannt, um vertiefende Einblicke in antike Gesellschaften zu erlangen. Dieser Impuls hat in der Archäologie zu einer wesentlichen Sensibilisierung der Interpretation von Funden und Befunden geführt: Objekte und Menschen werden nun als sich gegenseitig beeinflussende Akteure und materielle Kultur als direkter Ausdruck sozialer Phänomene verstanden. Dazu profitiert die Archäologie von aktueller Literatur, die sowohl (prä-)historische, aber auch rezente Kulturphänomene in interdisziplinären Ansätzen neu bewertet: Ein grundlegendes Werk, das meine Bewertung menschlichen Verhaltens und dessen Ausdruck in materiellen Kontexten wesentlich geprägt hat, ist „materielle Kultur. Eine Einführung“ des Sozial-Anthropologen Hahns Peter Hahn. Ebenso ist der ausführliche Artikel “Archäologie der Aneignung. Zum Umgang mit Dingen aus kulturfremden Kontexten (Forum Kritische Archäologie, 2 (2013), 48–123)“ von Stefan Schreiber zu nennen. Aber auch aus dem englischsprachigen Raum sind durch postprozessuale Strömungen zahlreiche Werke erschienen, die sich interdisziplinär den archäologischen Funden annähern. So z. B. Ian Hodder ”Entangled. An Archaeology of the Relationships between Humans and Things”.