VDA Retraite Mai 2019 - Mariazell

VDA Retraite Mai 2019 – Mariazell

Der gelbe Zug mit den Panoramafenstern schlängelt sich in gemütlichem Tempo durch waldbestandene Hügel, Tunnel und Schluchten und es bietet sich eine herrliche Aussicht auf die Berge und kluftige Landschaft der Steiermark. Wir sitzen in der kleinen Schmalspur-Bahn und sind auf dem Weg nach Mariazell, das – nachdem sich hier zuerst Kelten und Römer herumgetrieben haben – ab dem 12 Jhd. ein wichtiger Wallfahrtsort wird. Die im 14. Jhd. erbaute Basilika, die durch die Habsburger zu einer Art Nationalheiligtum avancierte, dominiert die kleine Ortschaft mit den pittoresken Häusern. Und auch heute noch strömen Pilger und Touristen gleichermaßen durch den Ort, man kann ganzjährig Lebkuchen verkosten und sogar sein Motorrad weihen lassen.

Doch wir sind weniger als Pilger gekommen, obwohl ein Besuch der Basilika natürlich ein Programmpunkt darstellt. Die VDA veranstaltet ihre diesjährige Retraite im Hotel weißer Hirsch, um drei Tage in entspannter Umgebung intensiv zu diskutieren, sich auszutauschen und die laufenden Arbeiten der VDA-Arbeitsgruppen vorzustellen.

 

Zusammen mit Irina Horn, Peter Becker und Norbert Bachleitner, die dankenswerter Weise wieder einmal ihr Wochenende in den Dienst der VDA stellten, wurde ein umfangreiches Programm an Vorträgen bestritten, ausgiebig diskutiert, aber auch hervorragend gespeist. Dem Hotel weißer Hirsch* mit seinem freundlichen und zuvorkommenden Personal sei an dieser Stelle für die ausgezeichnete Verpflegung, nie enden wollende Kaffeeversorgung und die tollen Abendessen herzlich gedankt.

Retraite Programm: VDA-Fellows präsentierten ihre aktuelle Arbeit

Gunnar Mertz sprach über die Geologische Bundesanstalt und die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in den Jahren 1934-1955, deren Aufbau und strukturelle Veränderungen vor dem Hintergrund nationalsozialistischer Machtergreifung und den Jahren danach. Dabei stehen Bildung von Identitäten, Erinnerungskultur und die Diskrepanz zwischen geforderter Aufarbeitung und tatsächlicher Umsetzung im Fokus seiner Darstellungen.

Henriette Engelke referierte zum Thema Opernverfilmung und das Problem des Medienwechsels in der ersten Hälfte des 20. Jhds., der Umsetzung von Oper im Film, bzw. Oper als Film sowie der dadurch entstandenen Musikalisierung von Film bzw. Visualisierung von Musik. Damit einhergehend entspann sich auch eine spannende Diskussion um die Wahrnehmung zwischen Oper als Medium einer elitären Gesellschaftsschicht und Film für die breite Masse, die anhand unterschiedlicher Statements von zeitgenössischen Künstlern illustriert wurde.

Georg Kö beschloss den ersten Tag mit einem reich illustrierten Streifzug durch den Alltag der Vorstadt und berichtete vor allem über die Arbeit des Vereins Kulturraum 10*. Ob Foto-walk, ExpertInnengespräche zu spannenden Themen aller Art, wie die Erfolgsgeschichte des Kaugummis oder über Migration, hin zum Stumm&Laut Filmfestival – es geht lebendig zu im 10. Bezirk und zeigt damit eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Alltag.

Den zweiten Tag eröffnete Alexander Marx mit seinem Beitrag über Kreuzzugspredigten, die als textliches Medium maßgebliche Motivatoren für die Gläubigen in Europa darstellten, um auf Kreuzzüge zu gehen. Wirkung, Einsatzmöglichkeiten und die Einbindung der Predigten in den kulturhistorischen Kontext der Zeit des Dritten Kreuzzuges (1187-92) sind dabei wesentliche Fragen der mittlerweile erfolgreich abgeschlossenen Dissertation. Dazu herzlichen Glückwunsch!

Neben Vorträgen durch die VDA-Fellows wurde das Programm in diesem Jahr durch Gastredner erweitert. So präsentierte uns Andreas Baumann eine ‚Einführung ins Textmining’. Anhand eines vereinfachten Beispiels wurde die Frage verfolgt, ob sich TV-Serien oder Serien Genres anhand ihrer verwendeten Sprache klassifizieren lassen. Bekannte Serien wie Gilmore Girls oder Dawson‘s Creek wurden mit Krimiserien Numb3rs oder True Detective verglichen und in einem komplexen Diagramm gegenübergestellt. Das Diagramm verdeutlichte weniger eine Genre-spezifische Sprache als vielmehr eine mögliche zeitlich bedingte Veränderung zwischen Serien aus den 80er/90er Jahren und jüngeren Serien und demonstriert damit das Potential solcher Diagramme für das Zustandekommen weiterführender Fragestellungen.

Florian Windhager von der Donau-Universität Krems sprach über den visuellen Möglichkeitsraum geisteswissenschaftlicher Theorievermittlung. So beeindruckte sein Vortrag neben gekonnter Verknüpfung von Grundlagenforschung und Sciencefiction, mit einem geo-referenzierten dreidimensionalen Modell zur Darstellung von Biografien historischer Persönlichkeiten. Damit lassen sich nachweisbare Stationen im Leben einer Person in einem 3D-Modell darstellen und Überschneidungen mit anderen Personen herausstellen. Oder auch die Um- und Einsetzbarkeit von Forschungsdiskursen als interaktives Akteur-Netzwerk, das sich der visuellen Darstellung unterschiedlicher Personen und ihrer Standpunkte zu einem bestimmten Thema widmet. Jeweils eindrucksvolle Beispiele für eine kreative Kombination aus Forschung und Wissensvermittlung, die sicher auch im Umfeld der Lehre gewinnbringend eingesetzt werden kann.

Bianca Lindorfer vom Center for Doctoral Studies der Universität Wien lieferte uns zudem Informationen über Finanzierungsmöglichkeiten während des Doktorats und der früheren Post-Doc-Phase. Thematisiert wurden die Mobilitätsförderung oder Abschluß-Stipendien sowie APART und Schrödinger- oder Firnberg-Programme für Post-Docs. Des Weiteren wurde auf die Serviceleistungen des Center for Doctoral Studies aufmerksam gemacht, wo zahlreiche Workshops und Trainings angeboten werden. Einen besonderen Hinweis verdient das neue Format der PhD-Videos, in denen DoktorantInnen kurz und bündig ihrer Forschung präsentieren können, wie es bspw. unser VDA-Fellow Elisabeth Lechner getan hat (hier zum Video: https://doktorat.univie.ac.at/phd-corner/buehne-frei-wissenschafterinnen-im-portraet/).

Abgerundet wurde das Programm durch einen Ausflug in die Basilika, der zuvor durch einen spannenden Vortrag von Barbara Taubinger eingeleitet und einer Führung vor Ort druch die ehrenamtliche Mitarbeiterin Traude Glitzner abgerundet wurde. Frau Taubinger ist als Kunsthistorikern und Mitarbeiterin im Diözesanmuseum St. Pölten und gewährte uns in ihrem Vortrag Einblicke in die Votivgabenbestände ausgewählter niederösterreichischer Schatzkammern, wie z.B. Annaberg, Maria Dreieichen oder Sonntagberg. Neben den eindrucksvollen Gemälden und Kunstschätzen betuchter Gabenstifter, sind es besonders die alltäglichen Dinge, die als Dank in die Kirchen gebracht werden, wie bspw. Haare, Schuhe, Handgeschriebenes oder andere Alltagsgegenstände und die einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben – bezeugen sie doch ganz nachvollziehbare Sorgen und Nöte der Stifter.

Das Wochenende wurde durch Georg Kö und seine Kamera begleitet, für die Bereitstellung der Bilder sei den beiden ganz herzlich gedankt.

*unentgeltliche Nennung: Hotel Hirsch https://weisser-hirsch.at/de/index.asp; Kulturraum 10: http://www.kulturraum10.at/