70 VÖB-Runden

Hofrat Dr. Hans Leitner und die Wiener VÖB-Runde von 1975 bis 1996

In der 70. VÖB-Runde, zu welcher am 21. Oktober 1996 in den Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek eingeladen wurde, hat Hofrat Dr. Hans Leitner (1) die Leitung der VÖB-Runden in die Hände der beiden Autoren des vorliegenden Berichtes gelegt.

21 Jahre lang - seit der ersten Wiener VÖB-Diskussionsrunde(2), zu der er am 3. Dezember 1975 in seiner damaligen Funktion als Sekretär der Vereinigung Österreichischer Bibliothekare in die Arbeitsräume des Österreichischen Theatermuseums eingeladen hatte - war Dr. Hans Leitner Inventor und Moderator, vor allem aber Spiritus rector dieser zwanglosen "Klubgespräche" für Bibliothekare, Informationsfachleute und Dokumentare, aber auch für deren Berufspartner, wie z.B. Buchhändler und Herausgeber.

Hinter der VÖB-Runde, so die neue Bezeichnung seit der 17. Veranstaltung, stand - und steht nach wie vor - die Idee, aktuelle Probleme des Bibliothekswesens in ungezwungener und entspannter Atmosphäre ohne starres Protokoll zu diskutieren, Informationen auszutauschen und weiterzugeben. Den Einladungen zu diesen Veranstaltungen folgten jeweils zwischen 20 und 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, überwiegend aus dem Raum Wien. Veranstaltungsort waren zunächst die Arbeitsräume des Österreichischen Theatermuseums, später meistens Räumlichkeiten der Österreichischen Nationalbibliothek oder der Universitätsbibliothek Wien.(3)

Die VÖB-Runden gliedern sich in drei Gruppen von Veranstaltungen:

  • Vorträge und Diskussionsveranstaltungen;
  • Führungen durch Bibliotheks-, Dokumentations- und Informationseinrichtungen sowie verwandte Institutionen;
  • Führungen durch Ausstellungen.

Themen aus allen Bereichen des Bibliothekswesens - vom "Bibliotheksbau in Österreich" (1977) über die "Einbandpolitik an wissenschaftlichen Bibliotheken" (1981), die "Benützer- und Leseforschung" (1987) bis zu "OPACS und Datenbanken im Internet" (1993) - wurden in den vergangenen 21 Jahren im Rahmen der Vorträge und Diskussionsveranstaltungen behandelt.(4)

Ein wichtiges Anliegen für dieses bibliothekarische Forum war stets die Information über das Bibliothekswesen im Ausland, wobei ein besonderes Augenmerk auf die Entwicklungen im deutschen Bibliothekswesen (1976, 1978, 1988, 1989, 1990) und in der IFLA (1977, 1985, 1993) gelegt wurde. Weitere Schwerpunkte der VÖB-Runden waren Fragen des Verlagswesens (1978) und des Buchhandels (1981, 1983, 1985, 1988). "Die Universitätsbibliothek Wien in der NS-Zeit" (1988) war das Thema einer weiteren denkwürdigen VÖB-Runde.

Ein Themenschwerpunkt, nämlich der Einsatz von EDV im Bibliothekswesen, zieht sich wie ein roter Faden von den Anfängen der VÖB-Diskussionsrunde bis zu den aktuellen VÖB-Runden. Eine Auflistung der Veranstaltungen, welche Chancen und Tendenzen des Einsatzes der Neuen Technologien für die Bibliotheken zum Thema hatten, verdeutlicht, wie rasch die Veränderungen in diesem Bereich vor sich gegangen sind:

  • Bibliotheksautomatisation (1977);
  • Erfahrungen mit dem Kleincomputer in der Bibliotheksarbeit (1982);
  • Erfahrungen beim Auskunftsdienst: on-line-Researcher und konventionelle Bibliographierer (1983);
  • Die Codierung der europäischen Sprachen für den Computer: Latein, Cyrillisch, Griechisch, Hebräisch, Arabisch (1986); Kleincomputer in der Bibliotheksarbeit (1987);
  • CD-ROM im Informations- und Bibliothekswesen (1987);
  • Katalogisierung und OPAC mit Compact Disk im lokalen Netz und Verbund: ein Kaskade Prinzip - JANET, HEBIS (1989);
  • IDAS (1990);
  • Einsatz von Scannern zur retrospektiven Konversion von Katalogen am Beispiel des "Alten Katalogs" der ÖNB (1990);
  • Die retrospektive Erfassung der "Altkataloge" der Niederösterreichischen Landesbibliothek für Datenbanken (1991);
  • Mediendatenbanken in Österreich (1992);
  • OPACS und Datenbanken im Internet (1993);
  • Europa-Dokumentation (1994);
  • Präsentation einer Bibliographie auf dem PC: "Personalbibliographien (Dichter und Musiker) mit dem Bibliographie-Recherchesystem VISIBIL (1995).

Neben zahlreichen Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen wurden im Rahmen der VÖB-Runden Führungen durch Bibliotheks-, Dokumentations- und Informationseinrichtungen sowie verwandte Institutionen organisiert:

  • Besuch des alten Universitätsviertels (1985);
  • Musiksammlung der ÖNB, Albertinagebäude (1985);
  • Finanz- und Kammerarchiv (1986);
  • Zeitungsarchiv der Presse (1986);
  • Besuch des Mechitharistenklosters (1987);
  • Universitätsbibliothek der Technischen Universität Wien (1988);
  • Fachbibliothek für Byzantinistik und Neogräzistik, UB Wien (1988);
  • Österreichisches Staatsarchiv (1989);
  • ORF Fernseharchiv (1990);
  • Niederösterreichische Landesbibliothek (1991);
  • Kartensammlung der ÖNB (1991);
  • Fakultätsbibliothek für Medizin an der Universität Wien im Neubau des AKH (1991);
  • APA-Haus (1992);
  • Österreichisches Ost- und Südosteuropainstitut (1992);
  • Führung durch den Tiefspeicher der ÖNB (1992);
  • Österreichisches Theatermuseum (1993);
  • Österreichisches Patentamt (1994);
  • Administrative Bibliothek im Bundeskanzleramt (1994);
  • Bibliothek der Akademie der bildenden Künste mit dem schönen Lesesaal von Theopil Hansen (1994);
  • Parlamentsbibliothek (1995);
  • Besuch des Literaturhauses (1995).

Im Rahmen der VÖB-Runden wurde auch zu Führungen durch Ausstellungen eingeladen, die im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek präsentiert wurden:

  • "Flämische Buchmalerei: Handschriftenschätze aus dem Burgunderreich" (1987);
  • "Karl der Große und die Wissenschaft - Karolingische Handschriften der ÖNB zum Europa-Jahr 1993" (1993);
  • Thesaurus Austriacus: Europas Glanz im Spiegel der Buchkunst; Handschriften und Kunstalben von 800 bis 1600" (1996).

Weiters wurde durch eine Ausstellung an der Akademie der Bildenden Künste geführt:

  • Thomas Ender in Brasilien: 1717/18 (1994).

Der Blick zurück auf 70 von Hofrat Dr. Hans Leitner organisierte Wiener VÖB-Runden offenbart das Erfolgsgeheimnis dieser nunmehr schon traditionsreichen Veranstaltungsreihe. Denkbar sind grundsätzlich alle Themen aus dem Bereich "Buch - Bibliothek, Bibliothekar - Leser, Information - Informationsvermittlung": es handelt sich also um einen spannenden und interessanten Themenkreis, wo sich - besonders in den letzten Jahren - so viel ereignet hat und so viel Neues entsteht, daß kein Mangel an aktuellen Fragestellungen besteht.

Ein wichtiger Aspekt darf bei der Bewertung der VÖB-Runden, wie sie von Hofrat Dr. Hans Leitner geprägt wurden, nicht vernachlässigt werden: Zum Unterschied von den diversen Kommissionen, Arbeitsgruppen und Arbeitskreisen der VÖB steht hier nicht nur das jeweilige Thema im Mittelpunkt, sondern auch die Begegnung von Bibliothekar/in zu Bibliothekar/in, von Mensch zu Mensch.
Die beiden Autoren als zukünftige Vorsitzende danken an dieser Stelle Herrn Hofrat Dr. Hans Leitner im Namen aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer der vergangenen 70 Veranstaltungen recht herzlich für seine großen Verdienste um die VÖB-Runden und versichern, in seinem Sinne, dieses Forum der Diskussion und Information auf möglichst hohem Niveau weiterzuführen, wobei wie bisher der Mensch im Mittelpunkt stehen soll - auch ganz im Sinne des Vereinsnamens "Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare"(5).

Bruno Bauer und Bernhard Kurz

Anmerkungen

(1) Eine Würdigung des bibliothekarischen Werdegangs von Hofrat Dr. Hans Leitner ist aus Anlaß seines Übertritts in den Ruhestand mit 1. November 1996 in der letzten Ausgabe der Mitteilungen der VÖB erschienen: Paul Rauchbauer: Hofrat Dr. Hans Leitner in Pension. In: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen & Bibliothekare (1996), H. 3/4, S. 42-43.

(2) Gleichzeitig mit der Wiener VÖB-Diskussionsrunde entstand auch eine Grazer VÖB-Diskussionsrunde, welche allerdings nach einigen Jahren ihre Aktivitäten einstellte. Über Veranstaltungen der Grazer VÖB-Diskussionsrunde wurde berichtet in: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekare 29 (1976), H. 4, S. 8-9. - 30 (1977), H. 3, S. 39. - 30 (1977), H. 4, S. 37-38. - 32 (1979), H. 3, S. 14-17.

(3) Ein Rückblick auf die ersten 25 VÖB-Diskussionsrunden bzw. VÖB-Runden erschien in den Mitteilungen der VÖB: Ronald Zwanziger: 25 VÖB-Runden in Wien - Ein volles Dezennium. In: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekare 38 (1985) H. 4, S. 11-13.

(4) Hofrat Dr. Hans Leitner hat den Verfassern dieses Beitrages dankenswerter Weise Kopien der Einladungen zu den 70 VÖB-Diskussionsrunden bzw. VÖB-Runden zur Verfügung gestellt. - Über zahlreiche Veranstaltungen der Wiener VÖB-Diskussionsrunde wurden in der Anfangszeit Kurzberichte verfaßt: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekare 29 (1976), H. 4, S. 9. - 30 (1977), H. 1, S. 6. - 30 (1977), H. 3, S. 38. - 30 (1977), H. 4, S. 37-38. - 31 (1978), H. 1, S. 11. - 31 (1978), H. 2, S. 11. - 31 (1978), H. 3, S. 56-58. - 32 (1979), H. 1/2, S. 72-73. - 33 (1980), H. 4, S. 28. - 34 (1981), H. 1, S. 7. - 34 (1981), H. 2, S. 21-24. - 36 (1983), H. 1, S. 13-14. - 36 (1983), H. 2, S. 14. - 37 (1984), H. 1, S. 9-10.
Die Themen der VÖB-Runden ab dem Jahr 1980 wurden in den "Tätigkeitsberichten der VÖB" aufgelistet: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen & Bibliothekare 35 (1982). H 3/4, S. 20 [1980-1982]. - 37 (1984), H. 4, S. 13 [1982-1984]. - 39 (1986), H. 4, S. 7-8 [1984-1986]. - 41 (1988), H. 3/4, S. 16-17 [1986-1988]. - 43 (1990), H. 4, S. 12 [1988-1990]. - 45 (1992), H. 3/4, S. 16 [1990-1992]. - 47 (1994), H. 3/4, S. 19 [1992-1994]. - 49 (1996), H. 3/4, S. 15-16 [1994-1996].

(5) Gerne werden Themenvorschläge für künftige VÖB-Runden entgegengenommen:
Bernhard KURZ, UB der Wirtschaftsuniversität, Augasse 2-6, A-1090 Wien (Email: kurz@isis.wu-wien.ac.at; Tel.: 0222/31336-4918; Fax: 0222/31336-745).

Mag. Bruno BAUER, Zentralbibliothek für Medizin in Wien, Währinger Gürtel 18-20, A-1097 Wien (Email: Bruno.Bauer@akh-wien.ac.at; Tel.: 0222/40400-1082; Fax: 0222/40400-1086).

Quelle: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen & Bibliothekare 50 (1997) 1